Seit einem halben Jahrhundert dominiert in der internationalen Berichterstattung über die Vereinigten Staaten – mit je kontinental gefärbten Nuancen – ein Ton von Herablassung und Häme, den als Bürger jenes Landes am ehesten verkraftet, wer darin Reaktionen auf eine vermutete oder wirkliche Hegemonie sieht, die seit dem Kollaps des Staatssozialismus um 1990 ohne Alternative geblieben ist. Phänomene und Geschichten aus der Politik sind keinesfalls einziger Bezugspunkt dieses Tons. Erst vor wenigen Wochen schrieb eine deutsche Tageszeitung während der Leichtathletikweltmeisterschaften von den "amerikanischen Staffel-Trotteln", als es vier Sprintern unseres Landes – wieder einmal – nicht gelungen war, den Staffelstab innerhalb einer Stadionrunde dreimal regelgerecht weiterzugeben. Kaum vorstellbar, dass Worte dieser Schärfe etwa in Bezug auf Sportler aus anderen europäischen Ländern fielen. Andererseits bin ich aber auch überrascht, zu sehen, dass dieselbe Häme in Berichten über den Wahlkampf von Donald Trump weitgehend ausbleibt, obwohl er dazu eigentlich jeden Tag Anlass gibt – und dass die Rede schon gar nicht auf seine deutschen Großeltern kommt, auf Friedrich Drumpf und Elisabeth Christ aus Kallstadt in der Pfalz. Offenbar löst Trumps bisher ungebrochener politischer Erfolg eine für Herablassung allzu ernste Befürchtung vor dem Szenario aus, die ganze Menschheit seinem Willen als Oberkommandierendem ihrer stärksten Militärmacht ausgeliefert zu sehen.

Um über diesen Status plausibler Intellektuellenpanik hinaus zu einer mehr als bloß pessimistischen oder optimistischen Antwort auf die Frage zu kommen, ob Donald Trump eine Chance hat, nächster Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, sollten wir uns erstens bemühen, hinter allen Einzelheiten und Widersprüchen ein greifbares "Trump-Phänomen" als Fluchtpunkt auszumachen, um dann zweitens zu überlegen, ob eine spezifische Affinität zwischen einem solchen Phänomen und der Mehrheit der amerikanischen Wähler existieren könnte. Nicht wenige Optionen und Effekte teilt Trumps Erscheinung ja zunächst mit einer heute weltweit anzutreffenden Stimmungslage.

Diese Stimmungslage ist gefärbt von einer Politikverdrossenheit, die sich als Frustration über die vielfachen Vermittlungsebenen der "Repräsentation" im klassisch-westlichen System artikuliert und teils von einer Sehnsucht nach archaischen Formen der Unmittelbarkeit motiviert ist, teils von der durch elektronische Technik suggerierten Illusion direkter Intervention – aber gewiss auch von der Enttäuschung über die "Politikerklasse" in einer Zeit, wo dieser Beruf offenbar einen immer geringeren Anteil von kompetenten und charismatischen Protagonisten jeder Generation anzieht. Hinzu kommt – zeitlich spezifischer, aber doch mit potenziell globaler Resonanz – eine Neigung zur Abschottung von Landesgrenzen gegenüber vielfältigen Migrantenströmen (auch als Geste der Rückkehr zu vergangener nationaler Größe) und schließlich die Leugnung aller unangenehm wirkenden ökologischen Prognosen.

All das sind populistische Motive, welche innerhalb einer besonderen Logik von Frustration an vermeintlicher Authentizität nur gewinnen, je mehr sie als skandalös zurückgewiesen werden. Die Empörung über Trumps drastisches Bild von einer Mauer, welche die Vereinigten Staaten gegenüber illegaler Einwanderung aus Mexiko schützen soll, oder über seine Bemerkung, die ihm unbequemen Fragen einer Fernsehjournalistin seien Symptome ihres Menstruationszyklus’ gewesen, haben ihn – den aggressivsten Redner der amerikanischen Öffentlichkeit – in den Augen seiner oft als "leidenschaftlich" gepriesenen Anhänger zu einem Opfer politischer Korrektheit gemacht.

Die amerikanisch-nationale Spezifik des Trump-Phänomens setzt erst mit dem Ausbleiben des – in Europa garantierten – Ressentiments gegenüber einem Mann ein, dessen Vermögen nach nüchternen Schätzungen bei zwei und nach eigenen Aussagen bei zehn Milliarden Dollar liegen soll. Seine vor allem der unteren Mittelschicht angehörigen potenziellen Wähler identifizieren sich mit Trump nicht trotz, sondern gerade wegen dieses Reichtums. Anders als Europäer oder Südamerikaner assoziieren sie ihn keinesfalls mit Manipulation oder Gesetzesbruch, sondern mit einer Tüchtigkeit, die sie kaum je als Folge von Trumps Wirtschaftsstudium an der prominenten Wharton School der University of Pennsylvania ansehen – weshalb sie lebenslang an der Hoffnung auf einen eigenen Durchbruch zum Reichtum festhalten können. Dass der heute 69-jährige Trump in seiner Wirtschaftskarriere viermal den Bankrott erklären musste, macht sein Heldenbild in der epischen Version des amerikanischen Lebens nur noch markanter, weil dort nichts mehr bewundert wird als die Überwindung von Momenten tiefer Krise.

Die Grenzen zwischen Realityshow und Wirklichkeit zerfließen

Während sich seine republikanischen Konkurrenten nun endlich daranmachen, den in den Umfragen immer weiter entkommenden Trump festzunageln auf Widersprüche zwischen seinen heutigen Positionen und Äußerungen aus der Vergangenheit, als er für höhere Besteuerung großer Vermögen eintrat, für das Recht von Frauen auf Schwangerschaftsabbruch und gegen den Irakkrieg, steht zu vermuten, dass er gegen solche Vorwürfe immun bleiben wird. Trump baut nämlich weniger auf ein stabiles Profil aus Optionen in spezifischen Problemkontexten als auf den Glauben an die Kraft seiner in einem Leben der Höhen und Tiefen gewachsenen Gesamtpersönlichkeit. Gerade weil er zum Beispiel die "Intuition" einer Affinität zu Wladimir Putin nicht begründen kann, trägt sie zur besonderen Tonalität seines Charismas bei – so wie auch die vielfach nachgewiesene Zusammenarbeit mit Mafiabossen und sogar seine frühere Freundschaft mit den Clintons. Wesentlich ist allein, dass Donald Trump als Teil einer Welt großer Protagonisten erlebt wird, wo ideologische Unterschiede, aber auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Berufen und vor allem der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion neutralisiert sind. Trump hat nicht nur das von seinem Vater ererbte Immobiliengeschäft weiterentwickelt, sondern auch mit Hotels und Casinos meistens Profit gemacht, mit Misswahlen, mit einer am Ende gescheiterten alternativen American-Football-Liga und Veranstaltungen im Berufsringen, vor allem aber mit einer Realityshow unter dem Titel The Apprentice, in der er – hoch bezahlt natürlich – das eigene Leben als Investor und gestrenger Boss auf Talentsuche unter dem Vorzeichen der Fiktion spielte und seinen an die Mitspieler gewandten Lieblingssatz "You are fired" zu einem Medien-Emblem machte.

Aus dieser immer erneuerten Neutralisierung des Unterschieds zwischen Realityshow und Wirklichkeit gewinnt das Trump-Phänomen seine Dynamik. Denn die alle Varianten von Realityshows vereinende strukturelle Besonderheit liegt ja darin, dass das Vorzeichen des Spiels weder eine Ähnlichkeit zur Alltagswirklichkeit noch Konsequenzen für den Alltag "unter mildernden Umständen" ganz ausschließt. Aus beiden Gründen vollziehen sich Realityshows tatsächlich "zwischen" Wirklichkeit und Spiel. Obwohl sie auf Distanz zum Ernst des Alltags gesetzt sind, kann ihnen niemand prinzipiell eine Beziehung zur Wirklichkeit absprechen.

Und während sie so alltägliche Interaktionsformen unter dem Vorzeichen der Fiktion zu Spielen mit finanziellen Konsequenzen werden lassen, hat andererseits dieses Vorzeichen der Fiktion – das heißt die Prämisse einer immer wieder aufhebbaren und zu erneuernden Formung der Wirklichkeit – mittlerweile auch jene populäre Welt der großen Protagonisten (von Paris Hilton über Meryl Streep und Donald Trump zu Putin und Obama) erobert. Ein Hauptinstrument von Trumps Spielen sind zahlreiche, stets gleichzeitig laufende juristische Verfahren, in denen er die kostenpflichtige öffentliche Zurückweisung von Bildern seines Lebens und seiner Welt durchzusetzen versucht, sobald sie nicht seinen (sich ständig verändernden) Selbstbildern entsprechen. Da die meisten dieser Verfahren mit "Vergleichen" im juristischen Sinn enden, ist Trumps Leben zunehmend zur Resultante der Vergleiche zwischen eigenen und fremden Wirklichkeiten geworden, zu einer breiten Marge des Möglichen, welche nur reine Fiktion und empirisch nachzuweisende Wirklichkeit als Grenzwerte ausschließt (dies entspricht den eigenen Angaben über sein Vermögen, die weder ins rein Utopische abheben, noch je druckbaren schwarzen Zahlen entsprechen). Keine Intuition bedarf in dieser Welt eines Arguments, um wirklich zu werden, und kein Verhalten ließe sich nicht in seinen Konsequenzen umdefinieren und umbiegen – aber zugleich bleibt Trumps Welt als Realityshow in ihren Inspirationen von Wirklichkeit durchdrungen und in ihren Konsequenzen mit ihr verknüpft.