Mit der Historie unserer Gattung ist es wie mit jeder Familiengeschichte: Je genauer man hinschaut, umso mehr Abgründe und Verwerfungen tun sich auf. Und scheinbar reine Abstammungslinien verwandeln sich in ein verworrenes Geflecht von Beziehungen und Verwandtschaften, das vor allem eines zeigt: Unsere Vorfahren trieben es in der Regel ziemlich bunt.

Das jüngste Familienmitglied der Gattung Homo passt da bestens ins Bild. Der in der vergangenen Woche präsentierte Homo naledi verfügte zwar über recht menschliche Füße, hatte aber Hände eher wie ein Affe und ein Gehirn, das ungefähr so groß war wie eine Orange – er ist also ein ziemlich undefinierbares Zwischenwesen, das wohl nicht in die direkte Linie unserer Vorfahren passt, aber doch zur Familie gehört. Der Versuch, im Clan der Menschenartigen den Überblick zu behalten, wird damit immer anspruchsvoller.

Klar ist nur: Der Fossilienfund, den das Ausgräberteam um Lee Burger von der University of the Witswatersrand vergangene Woche präsentierte, ist der Traum eines jeden Urmenschenforschers. Noch nie wurde ein so umfangreicher Fossilienschatz aus der Vorgeschichte des Menschen geborgen wie jener aus der Rising-Star-Höhle westlich der südafrikanischen Hauptstadt Johannesburg. Über 1.500 fossile Knochen von wohl 15 Individuen wurden aus der schwer zugänglichen Höhle bereits an die Oberfläche befördert, weit mehr sollen noch im Boden der Höhle liegen. Klar ist auch, dass damit ein weiteres Mitglied der Menschenfamilie ans Licht gehoben wurde. Ein eher kleiner und zierlicher Vertreter war es, den seine Entdecker Homo naledi getauft haben, nach dem "Stern" im Höhlennamen, was in den südafrikanischen Sotho-Tswana-Sprachen naledi heißt.

Ansonsten ist vieles unklar. Die Fossilien sind bisher noch nicht einmal datiert, daher kann man über die genaue Einordnung des neuen Menschentyps nur spekulieren. Es lässt sich aber vermuten, dass sie zwischen einer und drei Millionen Jahre alt sind. Auch die von den Forschern ausgegebene medienwirksame These, womöglich sei man hier auf die erste Gruft der Menschheitsgeschichte gestoßen, ist bislang nicht belegt. Die Frage, wie all die Körper dieser frühen Menschen in die schwer zugängliche Höhle kamen, ist derzeit vor allem eines: ein faszinierendes Rätsel.

Wo also gehört Homo naledi hin im Stammbaum der Menschheitsgeschichte? Was ist das für einer? Genaueres wird man erst sagen können, wenn klar ist, wann genau er die evolutionäre Bühne betrat. Die Ausgräber haben dazu bereits weitere Veröffentlichungen angekündigt. Dann wird die Debatte unter den Fachleuten aber erst so richtig losgehen. Welcher Platz in der menschlichen Vorfahrenlinie kommt ihm zu, welchen der schon bekannten Vertreter unserer Gattung soll man ihm an die Seite stellen? Ist er vielleicht doch nur eine Sackgasse der Evolution, ein Seitenzweig der vielgestaltigen Homo-Familie?

Dieses Verwirrspiel dauert nun schon seit mehreren Millionen Jahren an. Es begann mit den sogenannten Australopithecinen, zu denen die berühmte Lucy gehörte, die vor 3,2 Millionen Jahren lebte. Aus diesen "Südaffen" entwickelte sich dann der Typus früher Menschen, die Gattung Homo, deren Verwandtschaftsbeziehungen allerdings ziemlich schnell sehr unübersichtlich wurden. Denn mit jedem neuen Fund, mit jedem ausgegrabenen Fossil wurde die Familie Homo größer und vielgestaltiger. Da waren zunächst die Vertreter rudolfensis, erectus, habiliis, ergaster antecessor, später gesellten sich heidelbergensis, denisova, neanderthalensis und florensis hinzu. Schließlich folgte Homo sapiens – der Einzige, der bis heute überdauerte.