Wolfgang Becker ist ein großer Regisseur, der fast keine Filme dreht. Seit Good Bye, Lenin! vergingen zwölf Jahre, bis er wieder ein abendfüllendes Werk fertig hatte, aber was auch immer die Gründe waren ("ich bin zum Beispiel nicht der Schnellste"), das Warten oder Zaudern hat sich gelohnt. Ich und Kaminski, nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, ist ein Meisterwerk. Meisterlich spielt wieder Daniel Brühl, aber diesmal keinen treu sorgenden Sohn wie in Good Bye, Lenin!, sondern einen fabelhaft ekligen Journalisten, der danach trachtet, vom Ruhm eines sterbenden Künstlers zu schmarotzen. Hintergründig enthält der neue Film überhaupt so etwas wie die Umkehrung des vorangegangenen: Während es dort für den Sohn darum ging, die Mutter, die noch an eine Fortexistenz der DDR glaubt, schonend an den Mauerfall heranzuführen, also Zukunft in die gefühlte Gegenwart einzuspeisen, geht es für den Journalisten bei Ich und Kaminski darum, Vergangenheit in die Gegenwart einzuspeisen und dabei so zuzurichten, dass sie dem Spektakelinteresse der Medien entspricht.

Mit anderen Worten: Eine Sensation muss her. Der Journalist vermutet sie im Vorleben des Malers Kaminski, dessen früher Ruhm auf der Legende seiner Blindheit beruhte. Aber was, wenn er gar nicht erblindet wäre? Sondern als Gefangener seines eigenen Fakes ein ganzes langes Leben mit der Vorspiegelung des Gebrechens verbringen musste? Der Journalist will mit der Enthüllung Karriere machen. Und so macht sich der kleine Parasit auf, um dem Wirtstier seiner Hoffnung das Geheimnis zu entlocken. Allein dieses Heranwanzen eines Journalisten an seinen Gegenstand (den er schon als Leichnam sieht), wie er schmeichelt und sich aufdrängt, gegebenenfalls besticht und nötigt, macht den Film zu einem sarkastischen Genuss.

Er ist aber auch ein artistischer Genuss. Für einen Roman, der mit Worten arbeitet, also alles behaupten kann, was er will, ist es ein Leichtes, die Frage nach der Blindheit offenzulassen. Der Film muss aber etwas herzeigen; und einen Darsteller so spielen zu lassen und zu fotografieren, dass immer beide Möglichkeiten bleiben, die Blindheit wie ihre Vortäuschung, das ist alles andere als trivial. Jesper Christensen als überraschend verschlagener Künstlergreis leistet darin Großartiges; und so verzeiht man ihm, dass er etwas zu viel Theater macht, im wörtlichen Sinne: Er spricht und grimassiert, als stünde er auf der Bühne und müsste auch von ganz hinten noch verstanden werden.

Im Übrigen ist der Film (vor allem für deutsche Verhältnisse) makellos. Er ist makellos beleuchtet, makellos geschnitten, er hat ein schwindelerregendes Gefühl für Timing und Proportion. Die Pointen sitzen, geraten einander nicht in die Quere, nehmen auch keinen ungebührlichen Platz ein, es wird überhaupt nichts ausgewalzt, die ganze elende deutsche Ausführlichkeit fehlt. Wolfgang Becker, mag er auch nicht der Schnellste sein, ist von souveräner Leichtfüßigkeit.

Und hat deswegen die Hände frei für den dritten großen Coup des Films: die Entlarvung des Kunstbetriebs. Es ist nämlich nicht nur der Journalist ein Angeber und Hochstapler, auch Kaminski ist ein Trickser und voller Berechnung. Er rechnet auf die Hohlheit der Sammler, Galeristen und Kritiker, die ihrerseits kein Urteil, sondern nur Hysterie, Überschätzung und Herdentrieb kennen. Ist Kaminski ein großer Maler? Die im Film gezeigten Bilder sprechen sehr dagegen: Expressionismus aus zweiter Hand, Airport-Art. Aber er hat im Kreis der Großen gelebt, im Umfeld von Picasso, Matisse, Warhol. Auch hier hat es der Roman leichter als der Film: Er kann den Glamour des Milieus einfach behaupten. Der Film muss ihn zeigen – und das tut er auch, bravourös und umwerfend komisch, indem er Kaminski beziehungsweise Christensen in all die historischen Aufnahmen der Stars montiert, an den berühmten New Yorker Schauplätzen der Moderne zeigt, schwarz-weiß und im Stil des frühen Fernsehens. Allein die fiktive Historizität dieser Szenen macht den Film zu einem Virtuosenstück.

Manipulation ist alles. Auch diese Einsicht verbindet den Film mit Good Bye, Lenin! Aber während in dem DDR-Nostalgiefilm die Manipulation in gutartiger Absicht geschah, ist sie hier die Kampftechnik der Egomanen und Egozentriker. (Nur ganz am Rande: Großartig in ihrer egoistischen Herzenskälte ist auch die Exfreundin des Journalisten, gespielt von Jördis Triebel.) Wie läutert man Egozentriker und Egomanen? Daniel Kehlmann hat in seinem Roman versucht, sie durch erschütternde Niederlagen zu bessern, und der Film folgt ihm maliziös. Wie der Journalist und wie Kaminski je ihr Fett abbekommen, kann nicht verraten werden, weil es am Ende der Reise, die beide gemeinsam zu einer Jugendgeliebten des Malers unternehmen, sehr spannend wird und man den ahnungslosen Nichtlesern des Romans die Spannung nicht verderben sollte.

Jedenfalls ist es so, dass hier, zum schönen bösen Schluss, Geraldine Chaplin ihren Auftritt hat, als eine sehr alte, sehr hübsche, sehr zarte Frau, die indes – ein sehr nüchternes Innenleben hat. Kaminski ist, wie alle abgebrühten Menschen, romantisch und sentimental. Seine ehemalige Flamme ist, wie alle lauteren Seelen, realistisch und handfest. Das kann nicht gut gehen. Prima!