"Wir kümmern uns erst mal um die Schweden – so nenn ich sie jetzt mal", ruft der arabischstämmige Mann mit dem Dreitagebart. Er spricht akzentfrei Deutsch. "Und eine persönliche Bemerkung noch: Ich liebe jeden Einzelnen von euch! Los geht’s!"

Die "Schweden", das sind einige Dutzend syrische Familien, die am Hamburger Hauptbahnhof gestrandet sind und weiter wollen: nach Rostock und von da aus auf eine Fähre nach Trelle- oder Göteborg. Nun sitzen sie in der Kantine im Souterrain des Schauspielhauses, zwischen ihnen ein paar junge Männer aus Somalia und Eritrea. Es ist Samstagnachmittag, draußen, rund um den Hauptbahnhof, hat die Polizei alles abgesperrt, um Nazis und Gegendemonstranten auseinanderzuhalten. Flüchtlingshelfer haben beim Schauspielhaus angeklopft: Ob sie mit ihren Schützlingen für ein paar Stunden Unterschlupf finden, bis das Chaos am Bahnhof vorbei ist? Intendantin Karin Beier hat kurz nachgedacht und Ja gesagt.

"Das ist eine spontane Direkthilfe, wir wissen nicht, was morgen ist, wir reagieren nur", sagt Beier am nächsten Tag. "Wenn die Stadt das nicht bald in den Griff kriegt, müssen wir wohl laut werden."

Das war, bevor Deutschland Grenzkontrollen einführte und Sigmar Gabriel von einer Million Flüchtlingen im laufenden Jahr sprach. Die These vom überforderten Staat, der die Lage endlich wieder in den Griff bekommen müsse, ist plötzlich das stärkste Argument für geschlossene Grenzen und eine Einschränkung des Asylrechts. Haben die Kritiker recht, ist der Staat überfordert?

In der Schauspielhauskantine kann dieser Eindruck entstehen. Wo sonst Schauspieler und Bühnenarbeiter ihr Feierabendbier trinken, schlafen jetzt Flüchtlinge. Kinder wuseln zwischen den Koffern, Taschen und Kartons. Ältere Herren aus den umliegenden muslimischen Gemeinden sind gekommen, ein paar Linke im Antifa-Outfit, junge Frauen arabischer Herkunft – sie alle haben sich per Facebook zur Nothilfe am Hauptbahnhof verabredet. Sie reden durcheinander, telefonieren, checken Fahrpläne, spenden Geld für Fahrkarten. Wann fährt der Zug nach Rostock, wer organisiert eine Übernachtung?

Das Chaos hat System, die Helfer haben regelrechte Schichtpläne eingerichtet. Während sich unten in der Kantine eine Gruppe zur Abreise bereit macht, kommen von oben schon Neuankömmlinge nach. In dieser Nacht werden hier sechzig Menschen schlafen, ein paar Bühnentechniker verlängern ihre Abendschicht und schieben Wache.

Wer in diesen Nächten am Bahnhof Flüchtlinge trifft, hört immer ähnliche Geschichten. Abenteuerliche Fahrten in überfüllten Booten, stundenlange Verfolgungsjagden mit der ungarischen Polizei, Prügel und Hunger in südosteuropäischen Flüchtlingslagern. Viele sind erschöpft, abgekämpft, nicht wenige haben von ihrer Flucht Narben oder ausgeschlagene Zähne davongetragen. Und trotzdem wirkten die meisten gelöst und stolz, es nach Deutschland geschafft zu haben, in Sicherheit.

Sie wissen noch nicht, was ihnen bevorsteht.

Gemessen an den Verhältnissen in den Hamburger Einrichtungen zur Erstaufnahme, geht es im Schauspielhaus noch ziemlich idyllisch zu. Das Gebäude in der Harburger Poststraße ist ein rustikaler Backsteinbau. Hier muss sich jeder Flüchtling registrieren. Und hier konnte man in der vergangenen Woche dabei zusehen, wie der Sozialstaat an seine Grenzen kam. Die Flure der Einrichtung waren zeitweise überfüllt, Familien mit Kleinkindern schliefen zusammengekauert auf Decken oder ihren Jacken. Die Mülleimer quollen über, auf dem Boden lagen Essensreste, es roch beißend nach Schweiß.