Gernot Grünewald kann nicht reiten, und so verbrachte er die ersten Semesterferien seines Schauspielstudiums malochend bei VW am Band, während die Kommilitonen auf Reitfreizeit gingen. "Mir war damals klar: Man muss mit dem Proletariat am Band stehen, das wahre Leben kennenlernen und nicht in geistigen Sphären auf Pferden sitzen und Voltigieren üben", erinnert sich der Regisseur schmunzelnd. Bis heute bereut er seine Entscheidung. Denn natürlich lernte Grünewald in den zwei Wochen nicht das wahre Leben kennen, sondern lediglich die Pin-ups der Kollegen.

Schon mit acht Jahren stand er bei Tschaikowskys Oper Pique Dame auf der Bühne des Stadttheaters in Hildesheim. Er war fasziniert davon, etwas Gemeinsames zu erarbeiten. Also fängt er an, selbst Theater zu machen. Es sind jedoch nicht die großen Dramen, die ihn in ihren Bann ziehen. Grünewald begeistert sich für Themen, Menschen, ja bloße Sätze, die ihm begegnen. Er recherchiert, führt Interviews, schreibt und findet mit jungen Jahren ein Format, das ihn bis heute nicht loslässt: das Projekt. "Nur da kann ich genau die Form wählen, mit der ich das Thema erzählen möchte."

Da er es anderen nicht zumuten will, mit ihm zu proben, übernimmt Grünewald als Jugendlicher selbst alle Rollen in seinen Projekten. Er inszeniert und spielt, seine besten Freunde degradiert er zu Technikern. "Die durften dann Projektoren an- und ausschalten, während ich auf der Bühne mich selbst ins rechte Licht gesetzt habe", lacht er. Und attestiert sich im nächsten Moment "eine manische Depression", ebenso aber "Hybris und Minderwertigkeitskomplex". Es ist ein warmer Tag, als wir uns treffen, Grünewald kommt gerade aus dem Hamburger Thalia Theater. Der schlaksige Mann gestikuliert wild, seine Augen sprühen vor Begeisterung.

Mit 20 Jahren spricht Grünewald an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch vor und wird sofort angenommen. Er denkt perspektivisch, eine Schauspielausbildung kann auf dem Weg zur Regie nur von Vorteil sein. Es entstehen weitere Miniaturen, Grünewald nennt sie nostalgisch "Dachbodenprojekte", denn dort finden sie statt, auf dem Speicher seiner damaligen Freundin, vor 30 Zuschauern. Regie, Spiel und Technik: Gernot Grünewald. 2003 unterschreibt er einen Vertrag als Schauspieler am Staatstheater Stuttgart. Nach wenigen Wochen stellt sich Enttäuschung ein. Der damals 25-Jährige empfindet viele Regisseure als uninspiriert. Er sehnt sich nach mehr inszenatorischer Verantwortung und realisiert: "Theater ist für mich verfolgenswert, aber nicht als Schauspieler, wenn ich vom Besetzungszettel erfahre, was ich spiele, und mich acht Wochen für ein Thema interessieren muss, das überhaupt nicht meines ist."

Seine Hoffnung: sich als Regisseur die Themen auszusuchen, die ihm etwas bedeuten. Sein Anspruch: zu zeigen, dass Theater mehr ist als nur bürgerliche Belustigung. Mit 28 Jahren beginnt Grünewald sein Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg. Mit Blumenerde und Ketchup auf Plastikplane inszeniert er Kleists Penthesilea, für Tennessee Williams’ Endstation Sehnsucht verwandelt er einen spröden Seminarraum der Akademie in das Wohnzimmer der Familie Kowalski. Das Publikum platziert er ein Stockwerk tiefer und lässt es durch eine Fensterfront das Drama beobachten. Die Vorstellung nennt er Endstation Wirklichkeit und umreißt damit sein Programm: der Realität mit seinen Mitteln so nahe zu kommen wie möglich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

In der Folge produziert er einen regelrechten Inszenierungsreigen. hildegardsgarten porträtiert die Ehefrau eines Gaskammer-Architekten, die unmittelbar neben dem KZ Auschwitz wohnte, liebe 07 befasst sich mit dem Selbstmord des glamourösen Künstlerpaars Theresia Duncan und Jeremy Blake. Ein Hang zu düsteren Themen? Gewalt interessiere ihn, ebenso das Rätsel, woher das Böse komme. "Und der Tod ist neben der Liebe das verbindende Element aller Menschen, immer und überall."

Grünewald spricht sehr schnell. Wenn er müde ist, spricht er noch schneller. Heute ist so ein Tag. Seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Sie wirkt ansteckend, und auch in seinen Inszenierungen spürt man diese Energie. Grünewalds Arbeiten eint zudem die auffallende Beteiligung und inhaltliche Souveränität der Schauspieler. Hier gibt es keinen auswendig gelernten Text, hier haben die Darsteller wirklich etwas zu berichten. "Wenn ich mir im Theater Klassikerinszenierungen anschaue, denke ich jedes Mal: Das muss näher an die Gegenwart ran", sagt der 36-Jährige. Deshalb schickt er seine Schauspieler in die Welt außerhalb des Probenraums. Sie machen sich zu Experten eines Themas und bringen die gewonnene Expertise zurück auf die Bühne. "Das Thema Tod verhandle ich nicht, indem ich ein antikes Drama untersuche, in welchem jemand stirbt, und dann sage: Da geht’s um Tod." Nein, Grünewald lässt drei Schauspieler in einem Hospiz drei Sterbende interviewen. "Trotzdem wissen diese Menschen natürlich nicht, wie es ist, zu sterben. Aber sie sind deutlich näher dran als ich", erklärt er. Und schiebt hinterher: "Eine naive Hoffnung, denn vielleicht wissen sie es trotzdem genauso wenig wie ich."

Anfang 2011 hat seine Abschlussinszenierung Dreileben Premiere, im März gewinnt er mit ihr das Hamburger Nachwuchsfestival des Körber Studios für Junge Regie. "Danach war ich erst mal abgespeichert als ›der mit den Projekten‹." Intendanten und Dramaturgen sind irritiert, Angebote bleiben aus. Doch der Regisseur lässt sich nicht beirren, mit dem Preisgeld bringt er im April 2014 das Projekt Kinder/Soldaten auf die Bühne des Jungen Theaters Bremen. 16 Kinder und Jugendliche marschieren und kämpfen sich durch das Schicksal afrikanischer Kindersoldaten, das Publikum ist tief berührt. Das Thalia Theater Hamburg lädt die Vorstellung ein zu den Lessingtagen und schlägt Grünewald eine Projektentwicklung vor, anschließend an den finalen Satz der Kinder/Soldaten: "Und dann kommst du nach Deutschland."

Nun ist der Theatermacher auf der Suche nach Jugendlichen mit Fluchterfahrung. Ende Oktober wird das Projekt Ankommen – Unbegleitet in Hamburg im Thalia in der Gaußstraße Premiere haben. "Ich will dieser unkonkreten Zahl von Millionen Flüchtlingen 14 konkrete Namen, Gesichter, Stimmen und Geschichten entgegensetzen", schildert er sein Vorhaben. "Und dann bin ich wahrscheinlich ›der mit den Projekten und den Flüchtlingen‹." Er lächelt und trägt es mit Gelassenheit. Grünewald will Verantwortung übernehmen, als Künstler und als Mensch. Dem Repertoirediktat der deutschen Theaterlandschaft versucht er sich zu entziehen, denn er hat einen anderen Plan. Hier ist einer, der etwas zu erzählen hat.