Hoffnungsträger stellt man sich jung und frisch vor, aber sie können auch 66 Jahre alt und weißhaarig sein – so wie Jeremy Corbyn. Der Altlinke bescherte der britischen Labour-Partei am Samstag einen regelrechten Obama-Moment, als er mit großer Mehrheit an ihre Spitze gewählt wurde.

Corbyn war in der Partei ein Außenseiter, obwohl er seit 32 Jahren im Unterhaus sitzt, wo er vor allem für seinen Hang zum Rebellieren bekannt ist. Er ist für Gewerkschaften und gegen Kriegseinsätze, er will weniger Privatisierungen und mehr Beziehungen zu Russland. Ein Mann also, der seine Positionen über die Jahrzehnte nicht verändert hat, während die Labour-Partei in die Mitte rückte. Was man eher altmodisch als visionär finden kann.

Corbyns Sieg hat nicht nur seine Partei elektrisiert, sondern auch die spanische Podemos, die griechische Syriza und die deutsche Linkspartei (die SPD reagierte verhalten). Die Euphorie ist ansteckend und irgendwie schön, schließlich hat die europäische Linke nicht viel Grund zum Jubeln. Aber in die Aufbruchstimmung hinein mischt sich ein anderes Gefühl: Da war doch was. So einen Moment gab es doch schon mal.

Die Menschen wollen an Versprechen glauben, die utopisch sind

Es ist erst sieben Monate her, dass der Grieche Alexis Tsipras mit derselben Euphorie zum Vorkämpfer eines neuen Europas ausgerufen wurde. Seine Fans bejubelten ihn mit derselben Intensität, mit der seine Gegner vor ihm warnten. In den Zeitungen wurde Tsipras mit denselben Worten beschrieben, mit denen heute Corbyn beschrieben wird: unvorhergesehen, unvernünftig, unmöglich. Wie kann es sein, dass diese beiden Außenseiter so viele Menschen von sich überzeugt haben, darunter Studenten und Intellektuelle, Angestellte und Rentner – eine bürgerliche Mitte also?

Jeremy Corbyn und Alexis Tsipras verkörpern ein Phänomen, für das der Begriff Linkspopulismus zu kurz greift. Beide wurden aus dem Nichts nach oben katapultiert, beide kommen aus Ländern, in denen jahrelange Sparmaßnahmen die Menschen ausgezehrt haben. Sie wollen an Versprechen glauben, die utopisch sind: an Tsipras’ Griechenland ohne Schulden, an Corbyns Großbritannien ohne Klassenunterschiede. Die beiden reden oft von Würde, Kampf und Gerechtigkeit; von den guten alten Werten also, rein und unverwässert von den Kompromissen der neueren Sozialdemokratie. Es ist diese Klarheit, die ihren Anhängern das Gefühl gibt, da stehe endlich mal ein Mensch und kein Politikroboter. Dass sie keine Antworten auf die komplexen Probleme der Globalisierung bietet, scheint weniger wichtig.

Es ist ein Geschenk, wenn Politiker in Menschen Hoffnung inspirieren können. Noch besser ist es, wenn sie sie auch erfüllen. Das Problem bei Aufsteigern à la Corbyn und Tsipras ist, dass Letzteres fast unmöglich ist.

Tsipras will an diesem Wochenende als Premierminister wiedergewählt werden, doch es sieht nicht gut aus für ihn. Er hat die Sparpolitik nicht nur nicht beendet, sondern sie auch noch für drei Jahre verlängert. In den Augen seiner Anhänger ist seine Revolution zum Kompromiss verkommen, ihre Hoffnung ist zu Zynismus gefroren. Je öfter er nun beteuert, dass Politik eben zu unangenehmen Ergebnissen führe, desto mehr wirkt er wie jene, die er immer bekämpft hat.

Seine Entzauberung hat nicht nur die Syriza geschwächt, sondern auch die europäische Linke. Es ist sehr ruhig geworden um die Debatten zur Sparpolitik, in die sich im Sommer noch ein Nobelpreisträger nach dem anderen eingemischt hatte. Die spanische Schwesterpartei Podemos, kurzzeitig hochgeschossen, ist in den Umfragen wieder abgerutscht. Nun soll also Jeremy Corbyn die europäische Linke neu beleben.

Der Realitätstest steht ihm jetzt bevor: Er, der schon mal Mitglieder von Hamas als "Freunde" begrüßt hat, muss sich nun unangenehme Fragen zu seiner Außenpolitik gefallen lassen. Er, dessen Haltung zu Europa unklar ist, muss im EU-Referendum Stellung beziehen. Er, der im Parlament wie ein Straßendemonstrant saß, muss eine starke Opposition aufbauen. Vor allem aber kreist sein Denken noch immer um das britische Proletariat, während die Welt längst ein neues Proletariat geschaffen hat. Mit den Flüchtlingen kommen Menschen ins Land, die noch weniger haben und noch mehr brauchen. Alte linke Weisheiten werden nicht genügen, um ihnen zu helfen.

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