Lehrer sollen nach Leistung bezahlt werden, hat die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer vor Kurzem an dieser Stelle gefordert (ZEIT, Nr. 36/15). Ich bin Lehrer, unterrichte seit 22 Jahren an einem Gymnasium in Südbaden und frage mich: Spricht aus dieser Forderung Populismus oder nur Naivität?

Die Feststellung von Frau Beer, es komme bei Lehrern vor allem auf die Haltung, Leidenschaft, Empathie und Kreativität an, ist zwar richtig – ihre Schlussfolgerungen aber sind es nicht. Frau Beer, ehemalige Kultusministerin in Hessen, will diese Eigenschaften zur Einstellungsvoraussetzung machen. Nur wie man sie sinnvoll diagnostizieren soll, darüber schweigt sie.

Wohl aus gutem Grund, denn gerade diese entscheidenden Qualitäten eines Lehrers entziehen sich einer empirischen Erfassung. Stattdessen empfiehlt die FDP-Generalsekretärin "vergleichende Arbeiten pro Fach und Jahrgang über einen längeren Zeitraum", um so die Unterrichtsqualität und den Lernfortschritt der Schüler zu evaluieren.

Das Idee ist nun nicht gerade neu, in Baden-Württemberg beispielsweise gab es lange Zeit "Zentrale Klassenarbeiten", danach "Diagnose- und Vergleichsarbeiten", die aber beide wieder abgeschafft wurden. Nun strickt die FDP anscheinend wieder an der alten Idee eines Bewertungskonzepts, nur dass es diesmal nicht um die Kategorisierung von Schülerinnen und Schülern, sondern um die von Lehrerinnen und Lehrern gehen soll.

Die Einführung eines solchen Bewertungsinstruments, egal, wie es konkret ausgestaltet würde, hätte einen gewaltigen bürokratischen, personellen und finanziellen Aufwand zur Folge (eine Verschwendung von Ressourcen, die hundertmal sinnvoller auf andere Weise genutzt werden könnten). Viel schlimmer aber: Es würde ausgerechnet das zerstören, was Frau Beer zu Recht die Schlüsselqualifikationen eines Lehrers nennt – Leidenschaft, Empathie und Kreativität. Wir Lehrer würden künftig animiert, unser Tun auf quantifizierbare Erfolge auszurichten – ein weiterer Schritt zur Angleichung der Schule an die Wirtschaft.

Um das mit einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Ich habe mit meiner Klasse als Projekt einen Staffellauf von Lörrach nach Venedig auf die Beine gestellt. Die Vorbereitung hat mich ein Jahr lang beschäftigt und notgedrungen auch immer mal wieder Teile von Unterrichtsstunden in Anspruch genommen. Als wir dann unterwegs waren, haben wir über vieles Buch geführt, etwa die gelaufenen Kilometer, die überwundenen Höhenmeter und die Durchschnittsgeschwindigkeit, sogar die verbrauchten Kalorien haben wir berechnet. Alles quantifizierbar. Aber was ist mit der Gänsehaut, die uns bei der abschließenden gemeinsamen Überquerung der vier Kilometer langen Brücke hinüber nach Venedig überkam? Was mit den glänzenden Augen beim Anblick des Canal Grande, den die Schüler nach sechs Tagen und 700 Kilometern mit eigener Muskelkraft erreicht hatten? Und was mit den Erinnerungen, die sie für den Rest ihres Lebens in ihren Herzen tragen werden?

Wie die zu erfassen und evaluieren wären, darüber brauchte sich Frau Beer keine Gedanken mehr zu machen, weil es so etwas in einer Schule nach ihrer Vorstellung nicht mehr gäbe. Ich jedenfalls würde mich hüten, meinen "Unterrichtserfolg" beziehungsweise die "Lernfortschritte" meiner Schüler durch derartige Eskapaden zu gefährden, die sich womöglich auch noch negativ auf meine Gehaltsentwicklung auswirken würden.

Selbstverständlich besteht in unseren Schulen Verbesserungsbedarf – der übrigens meiner Meinung nach zu einem erheblichen Teil darin besteht, bildungspolitische Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre wie die Kastration des Gymnasiums um ein ganzes Schuljahr zu korrigieren.

Nicht weniges von dem, was an den Schulen – und bekanntlich genauso an den Universitäten – in diesem Jahrtausend verkehrt läuft, ist dem zunehmenden Einfluss wirtschaftlicher Interessen geschuldet – vom erwähnten G 8 bis zur Aufrüstung von Schulräumen mit teurer und sinnloser Technik. Ich denke da beispielsweise an die aufwendige Einführung von CAS-Taschenrechnern in baden-württembergischen Gymnasien, die, bevor sie überall angekommen waren, fürs Abitur schon wieder verboten wurden, weil ihr Einsatz bei den Prüfungen die Chancengleichheit gefährden würde.

Karrierismus, Profitstreben, reines Nützlichkeits- und Konkurrenzdenken – diese Ideale der Wirtschaft haben in unseren Schulen nichts verloren. In einem Modell aber, wie es der FDP-Generalsekretärin vorschwebt, würden sie zunehmend unseren Unterrichtsalltag bestimmen, und man würde gerade nicht "die Besten der Besten" für den Lehrerberuf gewinnen, sondern die falschen.

So, wie sich die entscheidenden Leistungen eines Lehrers der Messbarkeit widersetzen, liegen auch die entscheidenden Fortschritte der Schüler jenseits der Bewertbarkeit: soziale, personale und ökologische Kompetenzen wie etwa kritisches und selbstständiges Denken, Umwelt- und Verantwortungsbewusstsein, Altruismus, Rücksichtnahme, Kooperations- und Kompromissfähigkeit, Fairness.

Der verheerende Geist, den man auf die von Frau Beer angedeutete Weise in die Lehrerkollegien brächte, würde sich natürlich auch auf die Schüler übertragen – und sie so weiter in Richtung stromlinienförmige Karrieristen für die Bedürfnisse unserer Wirtschaft zurechtbiegen. Das aber ist nicht der Sinn von Schule.