Wozu nur der ganze Schrott? Anfangs wusste er es selbst nicht. Er hatte kommen lassen, was zu kriegen war, und so lag schließlich draußen vor dem Atelier ein riesiger, unentwirrbarer Haufen, lauter Stahlstreben, die einst Schulen und Wohnhäusern im fernen Sichuan den nötigen Halt geben sollten. Und die nicht hielten, als ein Erdbeben kam und Tausende Chinesen unter den Trümmern ihrer billig und falsch konstruierten Häuser begrub. Verkrümmt, verknotet, verzogen, so wurden die Stangen geborgen, so hatte sie Ai Weiwei nach Peking bringen lassen, 150 Tonnen Schrott.

Danach begann das große Dingdingding. Ein Hämmern über Wochen und Monate, denn was krumm war, sollte gerade werden. Es war ein dauerklopfender Appell, das Dickicht der Schuld zu lichten, endlich Ordnung zu schaffen in einem Land, das die Opfer des Erdbebens am liebsten verschweigen würde. Heute liegen die Stangen, wohlsortiert nach Länge und Stärke, auf dem Parkett der Royal Academy in London. Das Leid ist ihnen ausgetrieben, sie zeigen eine Schönheit, die sie nie besaßen, aufgeschichtet zu kunstvollen Reliefs. Aus Unglück ist Kunst geworden, das Zentralstück einer großen Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wird.

Für Ai Weiwei ist es die erste seit Langem, die er leibhaftig besuchen darf. Über die letzten Jahre war er ungeheuer produktiv, an die hundert Museen hat er seit 2004 mit immer neuen, immer ähnlichen Werken beliefert. Zuletzt aber konnten Ai und die Kunst nicht mehr gemeinsam auftreten, die Behörden hatten seinen Pass kassiert. Erst in diesem Sommer durfte er wieder reisen, erst nach Berlin, dann nach London. Endlich frei, dachte er.

Zu spüren aber bekam er, wie sehr die Erwartungen ihn gefangen halten. Wohl deshalb ist er, der sonst keine Gelegenheit auslässt, sein rundes, kraftvolles Selbst in Szene zu setzen, auch der Pressekonferenz ferngeblieben. Damit er nicht wieder die alten Fragen nach Unrecht und Ohnmacht beantworten muss. Damit die Kunst nicht länger nur das Anhängsel des Dissidenten ist. Sie soll, sie muss nun für sich selbst sprechen. Was aber hat sie zu sagen?

Als er noch ein Leben als Doppel-Ai führte, stellte sich die Frage nicht. Er verband, was meist unverbunden bleibt: war ein Aktivist, der in Sichuan die vielen Tausend Namen der getöteten Kinder recherchierte, und war zugleich ein Künstler, seinen Konzepten treu, geprägt von Marcel Duchamp und Andy Warhol. Doch will ihm das gelebte Ineinander nicht mehr gelingen, seitdem er 2011 von der Polizei verschleppt wurde. Zu hell leuchten seither die medialen Bilder. Zu matt bleiben die Werke der Kunst. Sie sind schön wie seine zart-rostige Landschaft aus Stahlstangen – und so aufgeräumt wie diese, museumsrein und ausgekühlt.

Eigentlich liebt Ai die alten Dinge, ihre Patina. Er sammelt sie, nimmt sie auseinander, baut sie neu zusammen. Er lässt alte Schemel tanzen, indem er zehn, elf, zwölf und noch viel mehr so geschickt ineinander verkeilt, dass sie einen hohen Bogen schlagen, ohne dass die Konstruktion umkippt. Er greift zu antiken Vasen und taucht sie in grelle Farben. Er lässt den Schutt seines zwangsweise abgerissenen Ateliers zu einem fein gefügten Block aufstapeln. Doch obgleich all diese Dinge so viel Geschichte mit sich tragen, bleiben sie in den Räumen der Royal Academy seltsam stumm. Dekorativ, das schon. Aber weniger Kunst als Kunsthandwerk.

Selbst jene Werke, die unmittelbar von Leben und Leid des Künstlers erzählen, wirken eigentümlich herausgeputzt. Sechs Kisten hat er aufgebaut, man schaut hinein wie in übergroße Puppenhäuser und sieht darin Szenen der Gefangenschaft: zwei Polizisten, die den schlafenden, essenden, duschenden Ai bewachen. Was als Versuch gemeint war, der schrecklichen Erfahrung eine Form zu geben, wird fotogene Illustration.

Das mag daran liegen, dass Ai fast nie selbst den Hammer schwingt, die Tische zerlegt, die Figuren knetet. Er beschäftigt bis zu 100 Mitarbeiter in seiner Werkstatt. Manches lässt er in derart gewaltiger Stückzahl fertigen, dass man sich fragen kann, inwieweit seine Kunst von jenem ausbeuterischen System profitiert, das der Künstler zugleich kritisiert. Im Westen hätte er die Stahlstangen nicht gerade hämmern lassen. Es wäre schlicht zu teuer geworden.

So aber sind viele seiner Kunstwerke von einer Perfektion, die sie wie handwerkliche Wunderstücke – eine Kinderkarre aus Marmor! ein Schädel aus Porzellan! – aussehen lassen. Daran müsste sich niemand stören, zumal einem die Makellosigkeit von Jeff Koons, Damien Hirst und all den anderen Künstlern vertraut ist, die ihre Werke in großen Manufakturen fertigen lassen. Doch wollte Ai ja gerade nicht so sein wie diese, nicht zynisch und marktversessen. Nun merkt er, wie er sich in widerstreitenden Ansprüchen verheddert. In einem Saal klebt er Tapeten auf die Wände, darauf goldig leuchtende Handschellen und Überwachungskameras, zu schmucken Mustern arrangiert. Es sind die Zeichen seines Kampfes, dargeboten als schmuckes Ornament.

Will hier der eine Ai den anderen verspotten? Ist Selbstironie das letzte Mittel, um das Ästhetische vor dem Politischen zu retten? Für den Museumsbesucher bleibt es eine schizophrene Erfahrung: im Kopf die quirligen, oft intimen Bilder des Aktivisten, vor Augen die disziplinierte Symbolkunst des Ausstellungskünstlers. Der eine will Bewegung, der andere Dauer. Der eine stößt um, was der andere zusammenfügt. Und beide haben sich nicht viel zu sagen.

Vor acht Jahren baute Ai Weiwei auf der Documenta in Kassel einen großen Turm aus alten Türen auf, den schwere Gewitter nach ein paar Tagen schon niederrissen. Großartig, sagte der Künstler damals. Erst so, als Ruine, sei das Werk wirklich vollendet. Die Royal Academy in London ist vor Gewittern bestens geschützt. Ais Kunst bleibt geradegeklopft.

Ai Weiwei. Royal Academy of Arts, London. Vom 19. 09.–13.12.2015

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