Eigentlich muss Torsten Seidl nicht betonen, dass er ein ganz Bodenständiger sei, niemanden von diesen Leuten kenne, mit der ganzen Sache nichts am Hut habe. Seidl sagt: "Ich bin Heilpraktiker, kein Drogenspezialist."

Er sitzt in seinem Praxisraum in Geesthacht, Bohnenstraße 2. An der Wand hängt einer dieser großformatigen Regenwalddrucke, die man in Möbelhäusern kaufen kann, daneben Regale mit Aktenordnern. Von seinem Schreibtisch aus kann er in den Vorgarten gucken: Rosenbusch, Buchsbaumhecke, ein Gartenzwerg mit FC-Bayern-Hut. Auf der Toilette gibt es Herzchenpapier.

Seidl zeigt auf seine Schuhe. Er sagt, dass er Plastik statt Birkenstock trage und als Kind sogar Nutella habe essen dürfen. Man hat ein wenig das Gefühl, dass er all das besonders hervorheben möchte, das Geerdete, Normale.

Seit dem ersten Septemberwochenende ist sein Berufsstand in Erklärungsnot. Das Bild des für viele ohnehin irgendwie dubiosen Heilpraktiker-Berufs droht noch dubioser zu werden. Auch wenn Seidl sagt, dass seine Kollegen über den Fall Handeloh bislang nur schmunzelten.

Die Sache ist: Nicht alle finden das, was in dem kleinen Ort südlich von Hamburg geschehen ist, lustig.

Es war ein Freitagnachmittag, als die Besitzerin eines Seminarhauses, umgeben von uralten Eichen, am Rande der Lüneburger Heide die Notfallzentrale anrief. Auf ihrem Grundstück im Seevegrund wälzten sich 29 Menschen auf dem Boden, manche torkelten, andere krümmten sich. Sie schrien, stöhnten, übergaben sich. Es sollen blutverschmierte Kanülen herumgelegen haben.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Kurz darauf glich das 2.400-Einwohner-Dorf Handeloh einem Katastrophengebiet. Gut zwei Dutzend Rettungswagen parkten am Waldrand. Mehr als 150 Sanitäter, Ärzte und Feuerwehrleute schnallten um sich schlagende Seminarteilnehmer auf Rettungsliegen, transportieren sie in die umliegenden Krankenhäuser. Man war sich einig: So etwas habe man noch nie gesehen.

Was genau geschehen ist, weiß noch immer keiner. Die Polizei befragt derzeit diejenigen, die wieder vernehmungsfähig sind. Es heißt, die Teilnehmer, es sollen Heilpraktiker gewesen sein, hätten eine chemische Psychodroge genommen, überdosiert: 2C-E. Es heißt auch, sie hätten sich getroffen, um homöopathische Mittel herzustellen. Aussagen, die irgendwie nicht zusammenpassen.

Auch nicht, dass die Gruppe schon seit Jahren in die Tanzheimat Inzmühlen, wie das Seminarhaus heißt, gekommen sei – und nie unangenehm auffiel an diesem Ort, an dem die "heilenden Kräfte des Tanzes" entfaltet werden können. Einst war die Tanzheimat eine Bauern- und Wanderhütte. In Zukunft wird sie vor allem eines sein: der Ort, an dem 29 Heilpraktiker ein lebensgefährliches Drogenexperiment gestartet haben. Die Besitzerin will die Gruppe nun verklagen. Sie habe einen Ruf zu verlieren.

Menschen, die merkwürdige Substanzen einnehmen und über "Kraftplätze" torkeln, das passt nur zu gut zu dem Klischee, das der Branche anhaftet, irgendwo zwischen Hippie und Hausfrau. Längst ist in ganz Deutschland nur noch von Highpraktikern statt von Heilpraktikern die Rede.