Trip durch die Heide

Eigentlich muss Torsten Seidl nicht betonen, dass er ein ganz Bodenständiger sei, niemanden von diesen Leuten kenne, mit der ganzen Sache nichts am Hut habe. Seidl sagt: "Ich bin Heilpraktiker, kein Drogenspezialist."

Er sitzt in seinem Praxisraum in Geesthacht, Bohnenstraße 2. An der Wand hängt einer dieser großformatigen Regenwalddrucke, die man in Möbelhäusern kaufen kann, daneben Regale mit Aktenordnern. Von seinem Schreibtisch aus kann er in den Vorgarten gucken: Rosenbusch, Buchsbaumhecke, ein Gartenzwerg mit FC-Bayern-Hut. Auf der Toilette gibt es Herzchenpapier.

Seidl zeigt auf seine Schuhe. Er sagt, dass er Plastik statt Birkenstock trage und als Kind sogar Nutella habe essen dürfen. Man hat ein wenig das Gefühl, dass er all das besonders hervorheben möchte, das Geerdete, Normale.

Seit dem ersten Septemberwochenende ist sein Berufsstand in Erklärungsnot. Das Bild des für viele ohnehin irgendwie dubiosen Heilpraktiker-Berufs droht noch dubioser zu werden. Auch wenn Seidl sagt, dass seine Kollegen über den Fall Handeloh bislang nur schmunzelten.

Die Sache ist: Nicht alle finden das, was in dem kleinen Ort südlich von Hamburg geschehen ist, lustig.

Es war ein Freitagnachmittag, als die Besitzerin eines Seminarhauses, umgeben von uralten Eichen, am Rande der Lüneburger Heide die Notfallzentrale anrief. Auf ihrem Grundstück im Seevegrund wälzten sich 29 Menschen auf dem Boden, manche torkelten, andere krümmten sich. Sie schrien, stöhnten, übergaben sich. Es sollen blutverschmierte Kanülen herumgelegen haben.

Kurz darauf glich das 2.400-Einwohner-Dorf Handeloh einem Katastrophengebiet. Gut zwei Dutzend Rettungswagen parkten am Waldrand. Mehr als 150 Sanitäter, Ärzte und Feuerwehrleute schnallten um sich schlagende Seminarteilnehmer auf Rettungsliegen, transportieren sie in die umliegenden Krankenhäuser. Man war sich einig: So etwas habe man noch nie gesehen.

Was genau geschehen ist, weiß noch immer keiner. Die Polizei befragt derzeit diejenigen, die wieder vernehmungsfähig sind. Es heißt, die Teilnehmer, es sollen Heilpraktiker gewesen sein, hätten eine chemische Psychodroge genommen, überdosiert: 2C-E. Es heißt auch, sie hätten sich getroffen, um homöopathische Mittel herzustellen. Aussagen, die irgendwie nicht zusammenpassen.

Auch nicht, dass die Gruppe schon seit Jahren in die Tanzheimat Inzmühlen, wie das Seminarhaus heißt, gekommen sei – und nie unangenehm auffiel an diesem Ort, an dem die "heilenden Kräfte des Tanzes" entfaltet werden können. Einst war die Tanzheimat eine Bauern- und Wanderhütte. In Zukunft wird sie vor allem eines sein: der Ort, an dem 29 Heilpraktiker ein lebensgefährliches Drogenexperiment gestartet haben. Die Besitzerin will die Gruppe nun verklagen. Sie habe einen Ruf zu verlieren.

Menschen, die merkwürdige Substanzen einnehmen und über "Kraftplätze" torkeln, das passt nur zu gut zu dem Klischee, das der Branche anhaftet, irgendwo zwischen Hippie und Hausfrau. Längst ist in ganz Deutschland nur noch von Highpraktikern statt von Heilpraktikern die Rede.

Darf ein seriöser Heilpraktiker Drogen nehmen?

Laut Statistischem Bundesamt gibt es deutschlandweit 35.000 Heilpraktiker. Wie viele es in Hamburg und Umgebung sind, ist schwer zu sagen. 750 jedenfalls sind im Landesverband Hamburg des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker (FDH) organisiert. Er zählt zu den größten in Deutschland. Und Heilpraktiker-Verbände gibt es viele.

Seit knapp einem Jahr sitzt Torsten Seidl im Vorstand des FDH. Sein Telefon klingelte am Wochenende nach dem Großeinsatz fast ununterbrochen. Ob es ihm gut gehe, ob er einen von denen kenne, was er dazu sage?

Er habe die Anrufer freundlich abgebügelt, erzählt Seidel. Er habe gesagt, dass die Polizei ja noch gar nicht wisse, wer da was genommen habe – und er selbst schon gar nicht. Überhaupt, 29 Heilpraktiker von 35.000!

Und doch will Seidl jetzt reden, nicht über Drogen oder Zaubermittel, sondern über Vorurteile gegenüber seinem Berufsstand – vor allem im Norden. Die Vorurteile entstünden aus Unwissenheit, so erklärt es sich Seidl. Hier oben hätten die Leute einfach zu wenig Kontakt mit Heilpraktikern. Ganz anders als in Bayern, wo er geboren wurde. Wo fast jeder neben dem Hausarzt auch einen Hausheilpraktiker habe.

Heilpraktiker versprechen sanfte Medizin auf Grundlage der Natur. Sie wollen den Menschen von Kopf bis Fuß betrachten, statt Pauschalrezepte auszustellen. Sie nehmen sich Zeit, hören zu und fragen nach. Selbstverständlichkeiten, die sich viele von ihrem Arzt wünschen, aber selten bekommen. Weil keiner das bezahlt.

Seidl führt seine Praxis nun in fünfter Generation. Als Junge bekam er von den Eltern bei Erkältung Globuli und Schröpfkuren. Mit 17, während seiner Krankenpflegerausbildung, schluckte er seine erste Aspirin. Ein revolutionärer Akt.

Später ging Seidl zur Bundeswehr. Sieben Jahre lang. Man hätte ihn sich aber auch gut hinter dem Schalter einer Sparkasse vorstellen können, diesen kompakten Mann, mit Brille, Bart und kariertem Hemd. Erst mit Ende 30 habe es Klick gemacht, erzählt Seidel. Er wollte seinen Beruf von Vater und Großvater erlernen. Wenn man Seidl fragt, was ein Heilpraktiker denn genau sei, sagt er: "Wir sind ein freier Beruf." Einer, in dem es die unterschiedlichsten Strömungen gebe. "Es gibt keinen typischen Heilpraktiker."

Man könnte das als eine Art Disclaimer betrachten. Drogen? Seidel weicht aus, sagt, dass seriöse Heilpraktiker so etwas nicht machten. Doch wer seriös ist und wer nicht, können Außenstehende schwer durchschauen. Auch Ärzte und Psychologen haben immer wieder Menschen mit LSD oder Ecstasy behandelt. Zuletzt erregte der Fall des Berliner Arztes Garri R. Aufsehen. 2009 waren zwei seiner Patienten nach einer Überdosis gestorben.

Wie sieht die Ausbildung eines Heilpraktikers aus?

In Sachen Tanzheimat ist noch unklar, ob die Heilpraktiker das Experiment als Privatpersonen oder als Heilpraktiker gemacht haben. Ob sie das Zeug überhaupt freiwillig eingenommen haben. Und doch bleibt die Frage: Darf jemand, der Menschen heilen soll, es also von Berufs wegen besser wissen müsste, solche Risiken eingehen?

Heilpraktiker ist kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf wie Tischler oder Bäcker. Trotzdem ist er staatlich geregelt, ein bisschen jedenfalls, in einem alten Gesetz aus der Nazizeit. Es besagt, dass Heilpraktiker eine Erlaubnis brauchen, um zu praktizieren. Bis heute wurde es kaum geändert. Angehende Heilpraktiker müssen in einem Test beweisen, dass sie keine Gesundheitsgefahr darstellen. Er enthält 60 schulmedizinische Aufgaben. 45 davon müssen richtig gelöst sein. Ein Amtsarzt stellt Fragen. Das war’s.

Danach ist jeder auf sich gestellt, kann sich weiterbilden – oder es lassen. Unzählige Institute bieten Crashkurse zur Prüfungsvorbereitung an. Andere setzen auf mehrjährige Vollzeitausbildungen.

Die meisten Heilpraktiker seien äußerst weiterbildungswillig, sagt Reinhard Naupert, der seit mehr als 20 Jahren die Arcana-Schule in Eilbek leitet. Ein kleiner Verein, der mit seinem Unterricht keine Gewinne macht. Auf seiner Webseite wirbt er mit Wasserfall- und Yin-Yang-Symbolik. Die Hamburger Niederlassung des europaweit größten Anbieters Paracelsus hingegen hat den Charme eines Jobcenters, graue Fliesen und Stühle, Instantkaffee aus dünnen Plastikbechern. Man kann dort für viele Tausend Euro Kurse belegen.

Eine staatliche Aus- oder Weiterbildungsordnung gibt es nicht. Auch keine Therapiestandards der Krankenkassen. Die Regulierung der Szene erfolgt durch Mundpropaganda. Und durch den ganz persönlichen Glauben an bestimmte Praktiken wie Homöopathie, Osteopathie oder Bach-Blüten, die zwar nicht wissenschaftlich bewiesen sind – aber vielen trotzdem helfen. Es mag der Grund sein, warum manche den Heilpraktikern alles zutrauen: das Kurieren von Rückenschmerzen, bei denen Orthopäden aufgegeben haben. Aber auch den Drogenexzess im Tanzzentrum.

Im Fall Handeloh will deshalb lieber keiner keinen gekannt haben. Will keiner reden, keiner zurückrufen. Zu groß ist die Gefahr, plötzlich als lebensgefährlicher Drogenheiler dazustehen.

Seidl führt jetzt durch seine Behandlungszimmer, er kann dort zwei Patienten gleichzeitig empfangen, für 35 Euro pro Sitzung. Manchmal hat er noch einen dritten im Sprechzimmer. Auf dem Hamburger Heilpraktiker-Kongress im November wird Seidl ein Seminar zum Thema Abrechnung halten. Ganz profan.

Es ist Mittagszeit. Seidls Frau hat Pellkartoffeln mit Quark gemacht, und Seidl sagt, dass die Familie durchaus auch mal Fast Food esse. Beim Abschied erwähnt er noch, dass er pro Jahr nur 400 Euro in seine Berufshaftpflicht einzahle. Und Versicherungen, die kalkulierten schließlich nach Risiko. "Wir tun doch keinem was."