Im Jahr 2006 ruft die mexikanische Regierung offiziell einen "Krieg gegen die Drogen" aus. Die Polizeitruppen verlangen nach weiteren Waffen. Heckler & Koch soll liefern. Das Unternehmen reicht im Bundeswirtschaftsministerium mehrere neue Exportanträge ein. Es geht um weitere 1.500 Gewehre vom Typ G36. Auf der Liste mit den Abnehmern der Waffen findet sich nun auch der Bundesstaat Guerrero im Südwesten des Landes. Es ist die Region, in der das Dorf Petaquillas liegt, in dem Jahre später der gefangene Killer El Talibán sagen wird, das G36 sei sein Lieblingsgewehr gewesen.

Im Herbst 2014 wird der Name Guerrero durch die Weltpresse gehen. Polizisten schießen auf eine Gruppe von Studenten, sie töten sechs Menschen und nehmen 43 weitere fest, die bis heute verschwunden sind. Nach eigenen Aussagen übergaben die Polizisten die Inhaftierten an Auftragskiller einer Drogenbande. Die Waffen der Polizisten wurden später beschlagnahmt, das geht aus Prozessakten hervor, die der ZEIT vorliegen. Auf mehreren Seiten sind die Waffen aufgelistet, die bei der Schießerei im Einsatz waren, unter ihnen sind drei Dutzend G36-Gewehre von Heckler & Koch.

Acht Jahre zuvor, im Frühjahr 2006, als die Polizisten in Guerrero noch nicht über deutsche Gewehre verfügen, der Antrag zu ihrer Belieferung aber schon vorliegt, stufen die Beamten des Auswärtigen Amtes auch Guerrero als einen Bundesstaat mit unsicherer Menschenrechtslage ein, als "nicht belieferungsfähig". Wieder läuft Heckler & Koch Gefahr, seine Gewehre nicht verkaufen zu können. Wieder scheint es, als würde es das Gewehr 85-012252 nie geben.

Die Anträge von Heckler & Koch werden zurückgestellt, sie bleiben liegen, wochenlang, monatelang.

Dann, am 29. August 2006, schickt ein damaliger Mitarbeiter des Unternehmens einer in Mexiko ansässigen Kollegin eine E-Mail. Er schreibt:

"Bitte sprich mit dem Oberst M.", einem hohen mexikanischen Offizier, "und bitte ihn um neue Endbestimmungsbescheinigungen der folgenden Verträge: Nr 039/2006 vom 26.04.2006 (Guerrero durch einen anderen Bundesstaat ersetzen). Nr 074/2006 (Guerrero durch einen anderen Bundesstaat ersetzen)." Und weiter: "Bitte sende dann die Originale per DHL an die HK." HK ist die Abkürzung für Heckler & Koch.

Die mexikanischen Behörden reagieren prompt. Nur einen Tag später, am 30. August, stellen sie tatsächlich eine neue Endverbleibserklärung aus, jenes wichtige Dokument, das der Heckler-&-Koch-Mitarbeiter in seiner E-Mail "Endbestimmungsbescheinigung" nannte. Der Bundesstaat Guerrero taucht nun auf der Liste nicht mehr auf. Die Gewehre, heißt es, seien für Querétaro vorgesehen, einen kleinen Bundesstaat, mehrere Hundert Kilometer weiter nördlich. Unterzeichnet: General Juan Alfredo Oropeza Garnica.

Der General ist heute 72 Jahre alt, ein massiger Mann mit Halbglatze, der mit 15 Jahren Soldat wurde und sich bis ganz an die Spitze des mexikanischen Militärs hocharbeitete. Er wurde schon als künftiger Verteidigungsminister gehandelt, bis er Ende 2006 über einen Skandal um illegal nachgebaute Waffen stolperte und die Armee verlassen musste. Heute trägt er keine Uniform mehr, sondern Anzug und Lackschuhe. Im Sommer 2006 war er noch im Dienst. Auf die Endverbleibserklärung von damals angesprochen, sagt er gegenüber der ZEIT: "Ich habe damals viel unterschrieben, kann sein, dass diese Endverbleibserklärung auch dabei war."

Wusste er denn, dass die Gewehre womöglich in Guerrero landen würden?

Der General Oropeza Garnica zieht es vor, diese Frage weder mit Ja noch mit Nein zu beantworten. Er sagt, die mexikanischen Behörden hielten sich selbstverständlich an getroffene Vereinbarungen. Aber dann fügt er hinzu: "Wenn Deutschland nicht will, dass deutsche Waffen in einigen Teilen Mexikos landen, dann soll es doch einfach gar keine Waffen schicken."

Im Sommer 2006 will Deutschland, dass keine deutschen Gewehre nach Guerrero gelangen. Und es sieht so aus, als sei Heckler & Koch stets gut darüber informiert, was Deutschland will und welche mexikanischen Bundesstaaten die Menschenrechtsexperten des Auswärtigen Amtes als belieferungsfähig einstufen und welche nicht. Und offenbar geht dies einigen Beamten langsam gegen den Strich. So jedenfalls lässt sich ein internes Schreiben des Auswärtigen Amtes an das Wirtschaftsministerium interpretieren, in dem der Exportantrag nach Mexiko ein weiteres Mal diskutiert wird. Darin heißt es: "Es wird gebeten, dieses Schreiben nicht in Kopie der Fa. Heckler und Koch zur Verfügung zu stellen."