Das Unternehmen hat nun also die offizielle Bescheinigung der Mexikaner eingereicht, dass die Gewehre nicht in Guerrero zum Einsatz kommen würden. Trotzdem bleiben die Anträge weiter liegen, die Beamten zögern. In dieser Phase, in der das Geschäft auf der Kippe steht, unterläuft Heckler & Koch ein Fehler, der geeignet ist, alle weiteren Lieferungen mit Mexiko zu verhindern: Das Unternehmen beantragt, Ersatzteile und Zubehör für die schon ausgelieferten G36-Gewehre nach Mexiko exportieren zu dürfen. Es geht um Magazine, Tragegriffe, Reinigungsgeräte. Wieder muss Heckler & Koch eine Liste vorlegen, für welche Bundesstaaten die Teile bestimmt sind. Auf der Liste steht auch der Bundesstaat Chiapas.

Wieso Chiapas?

Diese Frage stellen sich damals die Beamten in den Ministerien. Heckler & Koch hatte bescheinigt, dass in diesen Bundesstaat keine Gewehre geliefert würden. In Chiapas dürften sich also gar keine G36-Gewehre befinden, wozu braucht die dortige Polizei dann Ersatzteile?

Jahre später, als längst die Staatsanwaltschaft gegen Heckler & Koch ermittelt, wird ein hochrangiger Mitarbeiter des Unternehmens aussagen, es habe sich um ein harmloses Versehen gehandelt. Im Herbst 2006 aber werden einige Ministerialbeamte misstrauisch. In einer handschriftlichen Notiz wird die Frage aufgeworfen, ob Heckler & Koch womöglich Scheinzertifikate vorgelegt habe.

Im Außenministerium kommt die Idee auf, die deutsche Botschaft in Mexiko-Stadt könne überprüfen, ob G36-Gewehre in Bundesstaaten gelangt seien, für die sie nicht vorgesehen waren. "Botschaft wird gebeten, in geeigneter Weise in Erfahrung zu bringen, ob möglicherweise G36 nach Chiapas, Jalisco oder Chihuahua geliefert wurden", heißt es in einem Fernschreiben des Auswärtigen Amts vom 22. November 2006.

Drei Wochen später, am 13. Dezember, die grammatikalisch ungelenke Antwort aus der deutschen Botschaft: "Der Leiter des Politischen Referats der Botschaft war Ende November in Tapachula, einer Stadt an der Grenze zu Guatemala in Chiapas. Sei es die Polizei des Bundes, sei es die Polizei von Chiapas, sei es die Kommunalpolizei patrouillieren im Straßenalltag mit Gewehren. Dabei wurden keine G-36 Gewehre gesichtet."

Ein einziger Mitarbeiter der Botschaft bekommt bei einem einzigen Besuch in einer einzigen Stadt in einem von drei Bundesstaaten keine G36-Gewehre zu sehen. Es sollte schwerfallen, daraus eine zuverlässige Einschätzung abzuleiten. Das zuständige Referat des Auswärtigen Amts jedoch gibt am 25. Januar 2007 unter Berufung auf das Schreiben der Botschaft die Empfehlung ab, "außenpolitische Bedenken gegen oben angeführte Ausfuhren (...) zurückzustellen".

Jahre später werden zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen mexikanische Polizisten zeigen, die durch die Straßen von Chiapas, Jalisco und Chihuahua patrouillieren, bewaffnet mit G36-Gewehren von Heckler & Koch.

Am 20. Februar 2007 erlaubt die Bundesregierung die Ausfuhr der 1.500 Gewehre nach Mexiko, die laut offizieller Endverbleibserklärung nicht für den Bundesstaat Guerrero gedacht sind.

In der Vernehmung der Staatsanwaltschaft wird ein hochrangiger Beamter des Wirtschaftsministeriums später angeben, es sei ihm durchaus bewusst gewesen, dass Heckler & Koch die Gewehre auf unverfängliche Bundesstaaten umverteilt habe. Warum er die Exportgenehmigung trotzdem befürwortete, wird er nicht sagen.

Bis zum Jahr 2009 stellt Heckler & Koch mehrere weitere Exportanträge. Insgesamt genehmigt die Bundesregierung den Verkauf von rund 10.000 Sturmgewehren des Typs G36 nach Mexiko.

Zwischendurch beantragt Heckler & Koch erneut die Lieferung von Zubehör für die bereits ausgelieferten Waffen. Für ein solches Geschäft gilt die Regelung, dass bei einem finanziellen Volumen von weniger als zehn Prozent der ursprünglichen Gewehrlieferung keine eigene Genehmigung nötig ist. Der Verkaufswert des Zubehörs liegt diesmal jedoch weit darüber. Anstatt den Antrag zu prüfen, erhöht das Bundeswirtschaftsministerium die Genehmigungsgrenze in diesem Fall kurzerhand auf dreißig Prozent. Heckler & Koch muss damit keine erneute Liste mit den Bestimmungsorten der Zubehörteile vorlegen. Ein Beamter des Wirtschaftsministeriums schreibt in einer internen E-Mail: "HK sollte jedoch vergattert werden, diese Einzelfallentscheidung nicht im großen Kreis hinauszuposaunen."