Der Herstellung des Gewehrs 85-012252 steht nichts mehr im Weg. Im Frühjahr 2009 kommt es in die Welt, am 29. Juni bringt Lufthansa-Flug LH 498/29 die Gewehrkisten über den Atlantik, um 19.05 Uhr Ortszeit landet die Maschine in Mexiko-Stadt. Lastwagen transportieren die Fracht auf ein Gelände des mexikanischen Militärs. Von dort wird sie weiter verteilt. In die Bundesstaaten Chiapas, Jalisco, Chihuahua und Guerrero darf sie offiziell nicht gelangen. Aber was ist diese Zusage wert? "Die Gewehre gehörten jetzt den Mexikanern", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von Heckler & Koch gegenüber der ZEIT . "Die lassen sich doch nicht sagen, was sie damit machen dürfen."

Manche Beamte der Bundesregierung aber nahmen offenbar an, die mexikanische Innenpolitik lasse sich von Berlin aus steuern. Deshalb ist die Geschichte des Gewehrs 85-012252 auch eine Geschichte über politische Naivität. Die Bundesregierung hatte den Mexikanern auch vorgeschrieben, für jedes neue Gewehr, das ins Land kommt, ein altes zu vernichten. Diese "Neu für Alt" genannte Auflage soll verhindern, dass der Waffenbestand eines Landes wächst. Heute weiß man, dass die Mexikaner sie nicht einhielten. Im Januar 2009 schrieb eine Beamtin des Auswärtigen Amtes in einem internen Vermerk, die letzte Waffenvernichtungsaktion sei bereits drei Jahre her, "und belastbare Informationen zu in naher Zukunft geplanten weiteren Vernichtungsmaßnahmen liegen nicht vor".

Trotzdem wurde das Mexiko-Geschäft nicht infrage gestellt.

Am 19. April 2010 geht bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine Anzeige gegen Heckler & Koch ein. Verdacht auf illegale Rüstungsgeschäfte. Die Ermittler nehmen sich des Falls an. Weitere Exporte nach Mexiko werden von der Bundesregierung nicht mehr genehmigt. Etwas mehr als einen Monat später aber, am 26. Mai 2010, schickt ein offenbar schlecht informierter Beamter des Wirtschaftsministeriums eine E-Mail an Heckler & Koch. Unter Bezug "auf unser soeben geführtes Telefonat" teilt er dem Unternehmen detailliert mit, welche mexikanischen Bundesstaaten derzeit von der Bundesregierung als belieferungsfähig eingestuft würden. Fast scheint es, als wolle er eine Anleitung für eine erfolgreiche Antragstellung geben.

Es lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren, wie die Geschichte des Gewehrs 85-012252 nach der Ankunft in Mexiko weiterging, auf welchem Weg die Waffe in den Bundesstaat Guerrero und in die Hände von El Talibán kam. Das mexikanische Verteidigungsministerium gibt, trotz zahlreicher Anfragen, keine Auskunft. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde das Gewehr 85-012252 einem Polizisten in Guerrero als Dienstwaffe zugeteilt. Ein einfacher Polizist verdient in Mexiko umgerechnet etwa 400 Euro im Monat. Arbeitet er nebenbei für ein Drogenkartell, erhält er ein Mehrfaches. Viele Polizisten führen daher ein Doppelleben. Sie haben zwei Jobs, wie El Talibán, sie sorgen für Recht und Ordnung – und gleichzeitig für gute Geschäfte ihres Kartells. Meistens passt das nicht zusammen. Die Regierung selbst schätzt, dass sich mehr als die Hälfte der örtlichen Polizeikräfte von der Drogenmafia bezahlen lässt.

Vielleicht hat ein solcher Krimineller in Uniform die Waffe mit der Nummer 85-012252 an das Kartell Sur weitergegeben, dem El Talibán angehört. Vielleicht hat es ein Kämpfer der Mafia einem Polizisten gewaltsam abgenommen. Nichts davon war unwahrscheinlich, als das Gewehr deutschen Boden verließ.

Schärfere Konturen gewinnt der Weg der Waffe erst wieder im Jahr 2014. Damals, sagt El Talibán, habe er das Gewehr von seinem Boss bekommen, genannt "El Oso", der Bär. Ein Jahr lang hat er es getragen, nun liegt es in einem Holzschrank in der improvisierten Wache der Bürgerpolizei, neben Patronen, kiloschweren Paketen Marihuana und einer Pistole der Marke Beretta, alles von der Bürgerwehr beschlagnahmt.

Allerdings liegt es nicht immer dort. Das G36 war nicht nur die Lieblingswaffe von El Talibán, es ist auch das bevorzugte Gewehr der Bürgerwehr. Offiziell dürfen ihre Leute eine Waffe solchen Kalibers nicht tragen, aber die Bürgerwehr hat nicht einmal genug Geld, um ihren Freiwilligen richtige Uniformen zu kaufen, sie ist froh über jede Waffe, die sie nicht bezahlen muss. "Ist es da nicht legitim, dass wir das Gewehr für Patrouillen benutzen?", fragt einer der Bürgerpolizisten.

In den vergangenen Monaten kam es in dem Dorf Petaquillas immer wieder zu Gefechten zwischen der Bürgerwehr und den Drogenkartellen, mehrere Menschen wurden getötet. Man kann davon ausgehen, dass das deutsche Gewehr mit der Nummer 85-012252 noch viele Schüsse abgeben wird.

Die Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft gegen Heckler & Koch dauern an, seit fünf Jahren. Noch immer, so die Staatsanwaltschaft, sei nicht sicher, ob Anklage erhoben wird. Eine andere Entscheidung aber ist schon gefallen. Das deutsche Verteidigungsministerium hat bei einem deutschen Unternehmen ein neues Gewehr für die Bundeswehr bestellt, als Ersatz für das G36. Der Auftrag ist mit 18 Millionen Euro dotiert.

Das Unternehmen ist Heckler & Koch.

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