"Das schwierigste Problem, das diese Generationen der nächsten aufbürdet, ist der Umgang mit Migration und die Integration von Zuwanderern." Dieser Satz war im Jänner dieses Jahres auf den Österreich-Seiten der ZEIT zu lesen. Er stammt aus der Arena Analyse 2015, einer Studie über zukünftige Entwicklungen, die jährlich vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners in Zusammenarbeit mit der ZEIT durchgeführt wird und auf Expertenbefragungen basiert.

Lange Zeit gaben sich die österreichischen Politiker überrascht und begründeten ihre Hilflosigkeit damit, dass man das massive Anwachsen der Flüchtlingswelle nicht habe vorausahnen können. Die Teilnehmer der Arena Analyse waren sich hingegen einig, dass Migrationsströme vor allem in Europa in naher Zukunft stark zunehmen würden, denn man hinterlasse der nächsten Generation "eine Welt der großen Wanderbewegungen. Konflikte, Krisen und Naturkatastrophen werden in einer globalisierten Welt noch stärker als derzeit dazu führen, dass sich die Opfer einfach auf den Weg machen."

An den täglichen Schlagzeilen lässt sich mittlerweile ablesen, wie schnell und gründlich sich diese Voraussage der Experten bestätigt hat. Tatsächlich hat der Strom derer, die verzweifelt nach Europa wollen, ein Ausmaß angenommen, das inzwischen sogar die Unterbringung in Zelten oder anderen Notquartieren schwierig macht. Die Regierung agiert überfordert, die Koalitionsparteien streiten öffentlich über ihre Notfallpläne, und die freiheitliche Opposition verlangt nach rigorosen Grenzsperren.

Mittlerweile reagiert der gesamte Kontinent verschreckt, mitunter sogar panisch: Grenzen werden geschlossen, soweit das in einem vereinten Europa überhaupt noch geht. Nur kurz währte die Phase, in der die selbstorganisierte Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft das Bild in der Öffentlichkeit dominierte. Inzwischen treffen die Menschen, die aus Syrien oder aus einem der vielen anderen politisch oder wirtschaftlich gescheiterten Staaten kommen, wieder auf Ablehnung, Angst und mancherorts auf blanken Hass.

Damit tritt aber wieder jene Widersprüchlichkeit im Umgang mit Migration in den Vordergrund, die von den Experten der Arena Analyse als langfristig gefährlich eingestuft wird: Österreich braucht, genau wie die übrigen europäischen Staaten, auf Dauer eine gleichmäßig hohe Zuwanderung, um seine wirtschaftliche Wertschöpfung zu sichern und das soziale Netz aufrechterhalten zu können. Wo diese Zuwanderung stattfindet, trifft sie auf vehemente Widerstände – nicht zufällig haben überall in Europa in den letzten Jahren rechtspopulistische Parteien allein durch heftige Antimigrationsrhetorik Wählerstimmen gewinnen können. Die Regierungen und die Parteien der Mitte reagieren auf diese Stimmung, indem sie Zuwanderung möglichst erschweren – und verschärfen damit das Problem.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Denn Zuwanderung findet trotzdem statt, nur wird sie denkbar schlecht gemanagt. Rund 150.000 Personen wanderten 2014 in Österreich ein, gleichzeitig verließen aber 95.000 das Land, wodurch sich eine Nettozuwanderung von 55.000 neuen Steuer- und Abgabenzahlern ergab. Nur ein Teil davon sind Flüchtlinge. Eine nicht unbedeutende Quelle für neue Österreicher stellt die Arbeitsmigration dar: Firmen holen sich dringend gebrauchte Arbeitskräfte aus dem Ausland und versuchen hier für sie Arbeitsgenehmigungen zu erhalten. Dass dieser Weg in der Praxis enorm schwierig ist, stellt mittlerweile einen ernsten Nachteil für den Wirtschaftsstandort dar. Internationale Konzerne, die Wien oder Linz für ihr Hauptquartier in Betracht ziehen, schrecken vor der Aussicht zurück, dass es mühsam sein wird, Mitarbeiter aus anderen Ländern in die österreichische Zentrale zu schicken. Industrieunternehmen fühlen sich wegen des Mangels an Fachkräften in ihrer Expansion gebremst.

Der zweite Hauptstrang an Zuwanderern führt über das Asylverfahren. Was schlechtes Management hier bewirken kann, wurde im Sommer im Lager Traiskirchen vorgeführt: Die Medien lieferten ein Bild eines unbewältigbaren Menschenstroms, der das Land zu überfordern drohte – dabei hielten sich selbst auf dem Höhepunkt der Krise gerade einmal 4.300 Personen in den Erstaufnahmezentren und in den Zelten rundherum auf. Rein arithmetisch wären da 480 auf jedes Bundesland entfallen oder aber zwei bis drei auf jede österreichische Gemeinde.