Links ist wieder chic ein Vierteljahrhundert nach dem Selbstmord der Sowjetunion. Siehe den Triumph des Labour-Linksaußen Jeremy Corbyn in England, siehe in Amerika seinen Bruder im Geiste, Bernie Sanders, der Hillary Clinton, der Kronprinzessin der Demokraten, in den Umfragen immer dichter auf den Hermelinpelz rückt.

Schon murmeln die heutigen Vogelbeschauer, die Medien, von einer Zeitenwende, die das Ende des "Merkelismus", der Konsenskultur, ankündige. Aber es "gibt nichts Neues unter der Sonne", heißt es in Prediger – es sei denn, das Alte liegt so weit zurück, dass die Jungen es vergessen haben.

Es gab schon mal einen Jeremy Corbyn, 66. Er hieß Michael Foot. Labour kürte den 67-Jährigen 1980 zum Parteichef. Er wollte raus aus der Nato und der EU, die Steuern hochjagen, alles Mögliche verstaatlichen und einseitig abrüsten. Ein Jahr später desertierte die Labour-Rechte und gründete die Social Democratic Party. Foots Parteiprogramm nannte ein Genosse den "längsten Selbstmord-Abschiedsbrief der Geschichte". Foot verlor die Wahlen von 1983 in einem Erdrutsch; die Tories kriegten doppelt so viele Stimmen.

Den Senator Bernie Sanders gab es auch schon mal. Er hieß Howard Dean und mischte 2004 die Demokraten mit klassisch-linken Parolen auf: Steuern hoch für die Reichen, staatliche Gesundheitsversicherung und raus aus dem Irak. Er holte bis zu 30 Prozent in den Vorwahlen, gewonnen hat er nur eine: in seinem rötlich eingefärbten Heimatstaat Vermont, aus dem auch Bernie Sanders stammt. Nominiert wurde der Mann des Establishments, John Kerry.

Bernie Sanders, Jeremy Corbyn und Donald Trump (ja, der gehört auch in die Reihe) sind Einmann-Protestparteien – Populisten, wie sie quer durch Europa in den Parlamenten sitzen und Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika als "People’s Party" in die Geschichte eingingen. Protestparteien kommen und gehen, und es ist kein Zufall, dass ihre Helden die größten Triumphe in den Urwahlen feiern. Hier beherrschen die Aktivisten die Bühne, hier tobt sich das Ressentiment gegen "die da oben" am leichtesten aus.

Die Sturheit der Kandidaten gerät zur Standhaftigkeit, ihr Radikalismus zur Unbestechlichkeit, die Erlösung vom "Gewäsch" und "faulen Kompromiss" verheißt. Und mehr: Populisten bedienen links wie rechts, indem sie ihre Pflöcke außerhalb der Konsenszone einrammen. Sie sind gegen Freihandel, Globalisierung, Austerity und Einwanderung; Trump will wie Corbyn und Sanders an das Geld der Reichen, nur nennt sie Trump "Hedge Fund Manager". Corbyn hat dazu ein besonderes Faible für den Iran, für Hamas und Hisbollah. Außerdem kaschiert er nur widerwillig seine Abneigung gegen die EU, was auch für die sogenannte Rechte auf dem Kontinent zutrifft.

Populismus ist die Zangenbewegung von links und rechts gegen die breite amorphe Mitte. Aber die Erfahrung – siehe Foot und Dean – lehrt, dass diese Molluske ein zähes Ding ist, das nur an den Rändern nachgibt – oder in den Vorwahlen, wo der Preis des Wutbürgertums klein ist. Es muss mehr passieren, damit die Extreme wie im Europa der Zwanziger und Dreißiger triumphieren: die nationale Erniedrigung durch einen verlorenen Krieg, die Weltwirtschaftskrise, die nicht von einem großzügigen Wohlfahrtsstaat abgefedert wurde. Cameron muss Corbyn nicht fürchten, Clinton den Sanders auch nicht.