Der Titel verspricht Aufklärung: Die deutsche Justiz und der Nationalsozialismus. Ein Überblick. Der Autor des Buches ist kein Historiker, sondern selbst Jurist, ein viel geehrter Mann: Hermann Weinkauff. 1950 wurde er von Theodor Heuss zum ersten Präsidenten des Bundesgerichtshofes ernannt, ein Amt, das er bis 1960 innehatte.

Erschienen ist sein historischer Abriss 1968. Längst hatten Studentengruppen in einer Ausstellung und mit anderen Aktionen auf die verleugneten Kontinuitäten der Nachkriegsjustiz zur NS-Zeit hingewiesen – auf die personellen wie die ideologischen. Die Justiz selbst schwieg sich über die Vergangenheit aus.

Weinkauffs Buch machte keine Ausnahme. Es bot keinen Überblick, sondern war ein Dokument vorsätzlichen Wegsehens. Und es wäre kaum der Rede wert, ein typisches Beispiel für die Mentalität der fünfziger und sechziger Jahre, würde es nicht zeigen, dass die Geschichte der bundesrepublikanischen Justiz und ihres Versagens bei der Verfolgung von NS-Tätern – auch aus den eigenen Reihen – bis heute nicht vollständig durchleuchtet ist. Denn wie ein Archivfund belegt, hatte Hermann Weinkauff auch persönliche Gründe, einen "Überblick" zu verfassen, der gewisse Dinge im Dunkeln ließ. So behauptete er nicht nur in verharmlosender Weise, die Juristen seien letztlich Opfer des NS-Regimes und seiner Gesetzesvorgaben gewesen. Er machte auch einen Bogen um das juristische Rückgrat der Judenverfolgung: die vor 80 Jahren, im September 1935, erlassenen Nürnberger "Rassengesetze" und deren Durchsetzung in Prozessen wegen "Rassenschande".

Bereits im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 standen die Sätze: "Staatsbürger kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." Vor allem die Radikalen in der Partei forderten nach 1933 entsprechende Taten. Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels aber zögerten. Sie befürchteten Proteste aus dem Ausland und wollten unter anderem die Olympischen Spiele 1936 in Berlin nicht gefährden.

Die braune Basis scherte das wenig. Als 1935 in Nürnberg der Parteitag begann, waren sich Hitler und Goebbels im Klaren, dass in der "Rassenfrage" angesichts der Stimmung in der NSDAP gehandelt werden musste. Die Bekanntgabe der später so genannten Nürnberger Gesetze kam dennoch für viele überraschend. Nachdem die anwesenden Mitglieder des Reichstages die Gesetze per Akklamation angenommen hatten, jubelten die Parteigenossen.

Das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", auch "Blutschutzgesetz" genannt, verfügten im Kern das, was Hitler und seine Partei von Anfang an gefordert hatten. Durch das "Reichsbürgergesetz" verloren Juden die deutsche Staatsbürgerschaft; durch das "Blutschutzgesetz" wurden die Heirat und der außereheliche Geschlechtsverkehr "zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" verboten. Beide Gesetze zielten auf Entmenschlichung und totale Entrechtung. Das "Reichsbürgergesetz" war mit seinen später erlassenen 13 Verordnungen eines der juristischen Instrumente, die den Weg zur "Endlösung" ebneten.

Bis 1943 wurden mehr als 2.000 Männer wegen "Rassenschande" verurteilt. Die Gerichte hatten dabei in der Regel keine Schwierigkeit, die unter Strafe gestellte Tat festzustellen: In vielen Fällen waren den beteiligten Frauen zuvor von der Gestapo Geständnisse abgepresst worden. Zu klären blieb die Frage, was genau als Geschlechtsverkehr galt. Die erste Verordnung zum "Blutschutzgesetz" vom November 1935 war noch eindeutig: "Außerehelicher Verkehr ist nur der Geschlechtsverkehr." Das Reichsgericht aber vertrat eine andere Meinung. In einem Beschluss vom Dezember 1936, der für alle unteren Gerichte bindend war, entschied es sich für eine extensive Auslegung: "Der Begriff Geschlechtsverkehr [...] umfasst den gesamten natürlichen und naturwidrigen Geschlechtsverkehr, also außer dem Beischlaf auch alle geschlechtlichen Betätigungen mit einem Angehörigen des anderen Geschlechtes, die nach der Art ihrer Vornahme bestimmt sind, an Stelle des Beischlafs der Befriedigung des Geschlechtstriebes mindestens des einen Teiles zu dienen." Diese Entscheidung hatte gravierende Folgen. Von nun an fiel nahezu jedes Liebesverhältnis zwischen Juden und Deutschen unter das "Blutschutzgesetz".