Therapie. Grässliches Wort. Klingt nach Aufarbeitung, klingt nach Arbeit, klingt nach Sitzungen, die nicht enden wollen, und Gesprächen, die belasten.

Und wie klingt das? Therapie kann auch ganz anders sein. Wählen Sie Ihre Lieblingslieder aus, schicken Sie sie an die Firma Tinnitracks, die bearbeitet die Songs so, dass sie perfekt auf Ihren Tinnitus angepasst sind. 90 Minuten am Tag Musikhören lindert das Leiden. Das Fiepen und Pfeifen im Ohr, es wird weniger.

"Klingt doch toll", findet Jörg Land, der es auch toll finden muss, schließlich hat er Tinnitracks mit entwickelt. Drei Freunde in einem dieser schicken kleinen Büros direkt über dem Musikclub Knust. Einer hatte die inhaltliche Idee, einer konnte es technisch umsetzen, einer wusste, wie man ein Start-up gründet. Das war vor drei Jahren.

Jetzt gibt es Tinnitracks als App. Und nicht nur Jörg Land findet sie toll. Die "Standortinitiative der Bundesregierung" hat Tinnitracks zu einem "ausgezeichneten Ort" gekürt. Auf der führenden amerikanischen Technologiekonferenz South by Southwest gewann Tinnitracks als erste deutsche Firma überhaupt den Start-up-Wettbewerb. Zwei große Urkunden hängen in einem der kleinen Büros. Auf einer hat Joachim Gauck unterschrieben.

Nun macht auch noch die Techniker Krankenkasse (TK) mit: Sie will Tinnitracks gemeinsam mit 150 Patienten erproben und ihnen die Therapiekosten erstatten. Die TK ist damit die erste Krankenkasse, die mit der Therapie-App arbeitet. Und Tinnitracks ist die erste externe App, die bei der Krankenkasse in eine ärztlich verordnete Therapie eingebunden ist. "Für uns ist das ein riesiger Meilenstein", sagt Jörg Land.

Der Gesundheitsmarkt ist überfüllt mit Apps. Tracking heißt das Wunderwort: "nachverfolgen". Es gibt Apps, die messen, wie viel man wie schnell läuft; es gibt Apps, die messen, wie viele Stunden man wie effizient arbeitet. Tinnitracks geht einen Schritt weiter: Tinnitracks hilft nicht mit Berechnungen bei der guten Lebensführung. Tinnitracks bietet eine komplett digitale Therapie. Der Patient braucht nichts anders als sein Smartphone und Kopfhörer. Das Smartphone speichert die Musik. Der Patient muss sie nur hören, egal, wo. Niedrige Einstiegshürde, angenehm in den Alltag integrierbar.

Deshalb, sagt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, sei diese App absolut zeitgemäß.

Deshalb, sagt Jörg Land, sei diese App ein so großer Erfolg.

Es gibt medizinische Wirksamkeitsstudien, die belegen, dass Tinnitracks den Tinnitus bei Patienten zwischen 18 und 60 Jahren lindert. Die Patienten müssen vor der Behandlung zum Facharzt gehen und ihre Tinnitus-Frequenz messen lassen. Danach sollten sie mindestens vier Monate die Musik hören, damit das Gehirn umlernen kann. Dadurch könne sich die Lautstärke des Tinnitus-Tons spürbar verringern, sagt Land. Das hätten Studien gezeigt.

Land nimmt einen Zettel, er zeichnet viele kleine Kreise in einer Reihe. "Im Gehirn können einzelne Frequenzen angespielt werden, wie auf einem Klavier", sagt er. "Wenn ich einen 2-Kilohertz-Ton spiele, würde das entsprechende Zellenareal aktiv werden." Er malt einen Pfeil auf einen der Kreise. "Beim Tinnitus ist es so, dass ein Nervenzellenareal überaktiv ist." Land malt einen Blitz über einem der Kreise. "Was wir machen: Wir schneiden genau diese Frequenz aus den Liedern raus und stimulieren die Bereiche direkt drumherum."

Die Lieder hören sich an wie immer. Aber das Gehirn kann sich genau bei der Frequenz des Tinnitus entspannen. Das ist das Prinzip von Tinnitracks.

Bei drei Millionen Menschen, die allein in Deutschland an Tinnitus erkrankt sind, eine zukunftsträchtige Geschäftsidee.

Tinnitracks und die TK arbeiten zunächst mit Patienten aus Hamburg. Die Firma soll aber rasch internationalisiert werden. In die Niederlande gibt es erste Kontakte. Und auch die renommierte Harvard-Universität hat sich schon gemeldet. Sie lud die Gründer zu einer Konferenz ein. Die Gründer wollen gerne hin. Ob sie es schaffen, wissen sie aber noch nicht. Sie haben so wenig Zeit.