Autofahren, das ging doch lange so: Sonnenbrille auf die Nase, Fluppe an, Take it easy von den Eagles in den CD-Player, Motor starten und dann Aachen–Mittelmeer nonstop. Und was hing die meiste Zeit aus dem Seitenfenster? Der Arm! Total entspannt.

Von wegen. Wer das mit dem Arm in einem Neuwagen versucht, kann gleich zum Orthopäden fahren. Denn die Fensterunterkante eines Autos sitzt heutzutage in Schulterhöhe oder höher. Ziemlich uncool, das Ganze.

Und ein seltsames Phänomen noch dazu. Mit jeder neuen Autogeneration dehnt sich das Blech mehr aus, wird dicker, härter, dominierender. Dafür werden die Glasflächen verdrängt. Unsere Autos verpanzern. Seiten- und Heckfenster werden zu "Schießscharten", wie die Automobilmagazine in leichter Übertreibung monieren.

Das mag von außen schick sein, aber es ist vor allem gefährlich. Der ADAC beklagt seit Jahren den Verlust ungetrübter "Rundumsicht". Zu oft führt die optische Beeinträchtigung irgendwann zum Knall, weil beim Zurücksetzen Steine oder Poller erwischt werden. Mehr als 1.000-mal pro Tag kracht es beim Parken in Deutschland, sagt die Allianz.

In der Schweiz wird gerade ein Gesetz diskutiert, das "Taxi-Mamis" verbieten soll, ihre Kinder morgens mit dem Auto direkt vor die Schule zu fahren. Im morgendlichen Gedrängel werden immer wieder Kinder angefahren. In Cuxhaven und Köln sind Halteverbotszonen vor Schulen und Kindertagesstätten eingerichtet worden. Dafür gibt es in einem nicht zu großen Abstand geschützte Verabschiedungsbereiche, sogenannte Kiss-and-Ride-Zonen. Hintergrund ist unter anderem eine Studie der Uni Wuppertal, aus der hervorgeht, dass Grundschulkinder, die zu Fuß zur Schule gehen, sicherer leben als solche, die mit dem Auto gebracht werden.

Die Reaktion der Unglücksfahrer ist dabei stets die gleiche: Ich habe das Kind (den Poller, den Mülleimer) nicht gesehen! Da war doch gar nichts! Die erste Aussage stimmt. Die zweite leider nicht.

Die Sache mit der Rundumsicht kann quantifiziert werden. Einen deutlichen Hinweis auf den Verpanzerungsgrad eines Autos liefert zum Beispiel die Höhe der sogenannten Gürtellinie. Das war in der Kutschenzeit und zu Beginn der Automobilisierung die Trennlinie zwischen Wagenkörper und Dachaufbau. Heute ist die Gürtellinie ein bloßes Designelement, verchromt bei alten amerikanischen Straßenkreuzern, nun meist nur noch eine Falte im Blech unter den Fenstern. Und eben diese Linie wandert seit über 40 Jahren nach oben. Folgerichtig ist, betrachtet man unterschiedliche Autos von der Seite, das Verhältnis von Glas zu Blech immer kleiner geworden. Noch in den 1980er Jahren strebten Audi, Mercedes, Opel oder Ford dem Ideal von 1 : 1 entgegen. Heute ist die Relation manchmal auf 2 : 3 geschrumpft. Aus dem "fahrbaren Untersatz" mit Regendach und großen Panoramascheiben, die zum Sehen und Gesehenwerden gedacht waren, sind mobile panic rooms fürs Überleben im urbanen Dschungel geworden.

Landsberg am Lech. Hier befindet sich, mit 1-a-Alpenpanorama als Skyline, das Technikzentrum des ADAC. Manchmal kracht es infernalisch in der Crashtest-Halle – dann wird gerade ein Neuwagen geschrottet.

In der Halle nebenan nimmt in einem fabrikneuen Renault ein zweidimensional-platter Holzmensch Platz. Ein "50-Prozent-Mann", mit 1,75 Meter größer als 50 Prozent der männlichen Autofahrer Deutschlands. Laser registrieren gelb-schwarze Markierungen an seinem Kopf, der Dummy kommt aus dem Auto raus, dann wird exakt in seiner Augenhöhe eine Kamera angebracht. Mit ihr wird ein 360-Grad-Panoramafoto des Innenraums aufgenommen.