Normalerweise würde Paul Davis jetzt grillen. Er würde sich über seinen langen, fransigen ZZ-Top-Bart streichen, wobei das große, verschnörkelte Tattoo "Plymouth" auf seinem Unterarm gut zu sehen wäre. Plymouth, das ist sein Geburtsort hier im ländlich konservativen Iowa. Normalerweise wäre er nicht an seinem zehnten Hochzeitstag in das Collegestädtchen Grinnell gefahren, um sich einen Politiker anzusehen. Doch in diesem Wahlkampfsommer in Amerika ist nichts normal, und so sitzt Davis jetzt auf einem Gartenstuhl und hört dem Sozialisten Bernie Sanders zu, der für die Demokraten ins Weiße Haus will.

Völlig überraschend führt Sanders, ein bislang kaum bekannter Senator aus Vermont, die Umfragen in dem wichtigen Vorwahlstaat New Hampshire vor Hillary Clinton an. In Iowa hat er sie ebenfalls gerade überholt. Völlig überraschend hat auch Donald Trump, der schrille New Yorker Immobilien-Milliardär, die Mitbewerber seiner Republikanischen Partei abgehängt. Trump ist auf der Titelseite des aktuellen Rolling Stone abgebildet, und in wenigen Tagen wird ein neues Buch über ihn erscheinen. Sanders sieht man auf dem Cover des aktuellen Time Magazine, und Starinvestor Warren Buffett bewundert seine Kampagne.

Was da gerade in Amerika passiert, ist nur möglich, weil das Land zutiefst verunsichert und wütend ist. Viele Amerikaner fühlen sich ökonomisch und kulturell von der Gesellschaft so weit abgehängt, dass sie wenn überhaupt nur noch politischen Außenseitern wie Sanders oder Trump trauen.

Paul Davis hat in seinem ganzen Leben noch nie gewählt. Er ist 36 Jahre alt, mit 17 Jahren wurde er zum ersten Mal Vater, mittlerweile hat er drei Kinder. Er spielt Gitarre und tritt ab und zu auf Festen in der Umgebung auf, von dem Aufschwung nach der Wirtschaftskrise hat er nicht viel gespürt. Durch seine gelb getönte Sonnenbrille beobachtet er die anschwellende Masse, die auf Bernie Sanders’ Erscheinen wartet. Weil statt 100 Menschen 500 gekommen sind, wurde die Veranstaltung kurzerhand nach draußen in die erbarmungslose Mittagshitze verlegt.

Collegestudenten mit grünen und rosafarbenen Haaren setzen sich im Schneidersitz ins Gras, die älteren Herrschaften haben wie Davis Gartenstühle dabei. Viele von ihnen haben früher für Maytag gearbeitet, einen großen amerikanischen Hersteller von Haushaltsgeräten, der seine Fabrik hier vor zehn Jahren schließen musste. Das Geld ist knapp geworden in der Region, und gleichzeitig wird alles teurer. Die Studiengebühren für das College in Grinnell plus Zimmer im Studentenwohnheim betragen 58.393 Dollar pro Jahr. Der Durchschnittsverdienst einer Familie in Plymouth beträgt 50.000 Dollar. Es läuft etwas schief in Amerika, und Bernie Sanders, der jetzt da oben auf einem kleinen Podium steht, hat die Antwort: Die Milliardäre sind schuld.

Sanders spricht eine Stunde lang und schafft es, diese Wiese in Iowa in eine Szene aus dem Film Zurück in die Zukunft zu verwandeln. Der Kandidat will die Globalisierung eindämmen, die Studiengebühren zurückdrehen und die Mittelklasse wieder zu dem machen, was sie früher einmal war: der Stolz der Amerikaner. Und wie in jedem Blockbuster inszeniert Sanders dazu einen Kampf zwischen Gut und Böse: Die Guten sind wir, die Bösen die da oben, die sich alles kaufen können, sogar Politiker. Konsequenterweise verzichtet er auf das Geld der Reichen für seine Kampagne. Er finanziert sich mit den Kleinspenden normaler Bürger, im Durchschnitt sind das 32 Dollar. Die in Plastik eingeschweißten Presseausweise, die an die Journalisten verteilt wurden, möchte die Kampagne daher auch hinterher gerne wiederhaben.