Etwas länger als eineinhalb Stunden ist Cavinas L’Arianna geworden. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es, die Oper habe "bis in die dritte Stunde des Abends" gedauert, was vermutlich auf die damals üblichen musikalischen Einschübe (Intermedien) zurückzuführen ist. In der für November geplanten Aufführung in Venedig werden der Prolog – eigentlich sind es zwei, da der Braut das Werk zu kurz war, komponierte Monteverdi kurzerhand einen weiteren Prolog hinzu – sowie alle acht Szenen erklingen. Wobei sich Cavina dafür entschieden hat, die Oper – wie den Orfeo – in fünf Akte zu gliedern. Acht Sänger werden elf Rollen übernehmen. Bei der Zuordnung der Stimmlagen erhielt Cavina Hilfe von zwei Musikwissenschaftlern: von Lorenzo Gennaro Bianconi, Professor an der Universität Bologna, und dessen Kollegen Paolo Fabbri, der in Ferrara lehrt. Sie gelten als Italiens wichtigste Monteverdi-Spezialisten.

Auch bei der Instrumentierung hielt sich Cavina mehr an den Ballo delle ingrate als an den üppigen Orfeo. Der Musiker vermutet, dass an der Stelle "gespart" worden sei, weil nicht etwa Monteverdis L’Arianna Höhepunkt der Festivitäten gewesen sei, sondern Battista Guarinis Komödie L’Idropica, die ebenfalls mit musikalischen Intermedien von Monteverdi und anderen damals berühmten Komponisten in Szene gesetzt worden war. "Dabei wurden alle möglichen Instrumente verwendet."

Bläser will Cavina in seiner Version freilich nicht einsetzen. Sie stehen in der Barockoper gern für das Dunkle, Böse. Posaunen etwa verkörpern im Orfeo die Unterwelt – eine Sphäre, die in der Arianna nicht vorkommt. Aber Flöten vielleicht? Cavina ringt mit sich: "Fischer mit Flöten, das hat man noch nicht gehört."

Im Lamento jedenfalls werden Streichinstrumente erklingen. Viel spricht dafür, dass sich Monteverdi bei der Komposition des fünfstimmigen Madrigals an der Opernversion orientiert hat. Das Klagelied ist, wie gesagt, um die Chöre und die Rolle der Dorilla ergänzt. Hier half Cavina ein Rat von Professor Bianconi, ein in Florenz aufbewahrtes Manuskript des Lamentos zu studieren, das auf 1650 datiert ist und in dem es handschriftliche Hinweise auf den Part der Dorilla gibt. Dass das Stück noch 42 Jahre nach der Uraufführung – sieben Jahre nach dem Tod des Meisters – niedergeschrieben wurde, zeigt seine immense Popularität. Zudem machte der Musikhistoriker Cavina auf ein Lamento d’Arianna in stile recitativo von 1613 aufmerksam, das Monteverdis Zeitgenosse Severo Bonini hinterlassen hat. Das etwa halbstündige Werk enthält zweistimmige Chöre. Cavina sah sich bestätigt, die Chöre der Opernversion in der Wehklage ebenfalls zweistimmig zu setzen. Die übrigen Chöre werden bis zu fünf Stimmen haben.

Einmal stand Cavina kurz davor aufzugeben. Ein Freund behauptete, in einer römischen Villa sei die Originalpartitur gefunden worden. Die Information erwies sich als Gerücht, Cavina machte weiter. Und wer weiß, vielleicht ist sein Rekonstruktionsversuch ja auch dazu angetan, selig schlummernde Geister zu wecken.

Die zweite Uraufführung der Arianna wird in kleinem Kreis stattfinden. Veranstalter ist das auf Kulturreisen spezialisierte britische Unternehmen Martin Randall Travel, mit dem Cavina seit 2008 zusammenarbeitet. Die Firma verpflichtete La Venexiana, "sobald wir hörten, dass Claudio Cavina L’Arianna rekonstruiert". Im Programm der Reise steht nun erstmals das, was für viele Monteverdi-Liebhaber ein Traum ist: "Monteverdi in Venedig – die vier Opern". Und zum Trost für alle, die nicht dabei sein können: 2016 soll L’Arianna auf CD erscheinen.

Mitarbeit: Andrea Affaticati