Was in David Camerons Kopf vor sich ging, als er einen anderen, üblicherweise weniger öffentlichen Körperteil in das Maul eines toten Schweines schob, wird sich vermutlich ebenso schwer aufklären lassen wie der Wahrheitsgehalt der Geschichte selbst. Wie auch immer. "Pig Gate", also die Episode, die ein (von Cameron einmal politisch verschmähter) Biograf jetzt über die Oxforder Studententage des britischen Premierministers verbreitet, sollte die gesamte politische Elite Großbritanniens beunruhigen. Hinter ihr nämlich steckt die Grundsatzfrage, was so viele begabte junge Engländer dazu treibt, sich gleich nach der Immatrikulation zu benehmen, als hätte man ihnen eine Ladung Moorhuhnschrot durch den Frontalkortex geschossen.

Bis jetzt konnte die Erklärung lauten: Hingabe und Loyalität. Während andere Kulturen als Initiationswährung Schmerz verlangen (man denke an tatsächlich blutige Penis-Riten), kann ein Engländer offenbar keinen höheren Beweis für seinen unbedingten Willen erbringen, Mitglied eines exquisiten Zirkels zu werden, als den der kompletten Selbstentwürdigung. Holy shit, he really did it! Als Belohnung winkt die Treue der Gruppe, versiegelt mit der Scham über geteilte schmutzige Geheimnisse. Wer schlägt schon jemandem einen Gefallen aus, der von den eigenen Kronjuwelen in einem Schweinerüssel weiß? Wenn die Paktier-Praktiken nebenbei noch dazu dienen, den eigenen Standesdünkel zu festigen, ist das Kompromat à la Britannia perfekt. Zu den Aufnahmeriten der Feine-Pinkel-Verbindung Bullingdon Club, bei der auch David Cameron mitmischte, soll angeblich gehören, vor den Augen eines Obdachlosen einen Fünfzig-Pfund-Schein zu verbrennen.

Die Botschaft solcher Bosheit: Welche Regeln die Menschheit auch immer für den gegenseitigen Umgang festgelegt hat – egal, wir sind die gleicheren Schweine. Very gentlemanlike.

Solches Brauchtum war schon komplett bescheuert, bevor es Handykameras, Facebook und rachsüchtige Buchautoren gab. Insofern hat der Enthüller, der ehemalige Tory-Vizechef Lord Michael Ashcroft, der britischen Upperclass womöglich einen heilsamen, Snowden-mäßigen Schreck eingejagt. Die künftigen Premiers, die gerade in Oxford studieren, lernen dadurch vielleicht eine Lektion fürs Leben. Um es, sinngemäß, mit Erich Kästner zu sagen: Wer auf dem Leim, mit dem er Freundschaft kleben will, ausrutscht, sinkt besonders tief.