Verdammtes St. Pauli! Da hatte sich die Bild-Zeitung so eine schöne Aktion ausgedacht: Alle Clubs der Ersten und Zweiten Bundesliga sollten mit dem Logo der Bild-Kampagne "Wir helfen" auflaufen. Super Werbung für eine weltoffene Bundesliga, super Werbung für die Bild. Und dann das: Der FC St. Pauli, schrieb Geschäftsführer Andreas Rettig, sei seit vielen Wochen aktiv, um den Menschen, die nach Deutschland geflohen seien, zu helfen. Daher sehe der Verein keine Notwendigkeit, an der Aktion teilzunehmen.

Das saß. Die AfD werde sich über den FC St. Pauli freuen, zeterte Bild-Chef Kai Diekmann auf Twitter. Viele Fans anderer Mannschaften aber jubelten: Genau so muss man es machen!

Genau so muss man es machen ist ein Satz, der derzeit zum FC St. Pauli passt wie das Totenkopflogo und das Millerntorstadion. Kein anderer Proficlub erfüllt die Sehnsüchte und Ansprüche unserer Zeit so gut wie der FC St. Pauli.

Denn welchen Kriterien müsste ein idealer Fußballverein heute entsprechen?

Der Verein müsste demokratisch sein, also seine Mitglieder ernst nehmen und nicht das Wohl einiger weniger Investoren.

Er müsste politisch sein, also sich für das interessieren, was in der Welt geschieht.

Er müsste lokal verankert sein, also seinem Stadtteil eine Identität verschaffen.

Er müsste zusammenhalten, sollte also nicht alles rücksichtslos auf den sportlichen Erfolg der Profimannschaft ausrichten.

So ein Verein ist der FC St. Pauli.

Hamburg hat zwei große Fußballclubs. Der HSV hat sich in den letzten Jahren an die angeblichen Erfordernisse des modernen Profifußballs angepasst. Er hat die Bundesliga-Mannschaft ausgegliedert und Investoren gesucht. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, hieß es.

Der FC St. Pauli hat sich nicht angepasst. "Non established since 1910" steht auf den Kapuzenpullis der Fans.

Der FC St. Pauli ist und bleibt ein mitgliederbestimmter Verein.

Er ist und bleibt der Verein, der sich am lautesten gegen das kapitalistische System wehrt, dessen Teil er ist.

Er ist und bleibt der Verein, der sich für Menschen einsetzt, die nicht zur Mehrheit gehören: Homosexuelle, Obdachlose, Ausländer.

Und damit ist dieser FC St. Pauli, der immer schon so war, zum Verein unserer Zeit geworden. Weil genau das, was er immer schon gelebt hat, zum Gebot der Stunde geworden ist: dem Geschäft Fußball zu misstrauen und einen Fußballverein nicht nur als Fußballverein zu sehen, sondern als soziale und kulturelle Einrichtung.

Beim FC St. Pauli könnten sie sich jetzt, da es so gut läuft, zurücklehnen und feiern. Tun sie aber nicht. Sie wissen, dass sie Glück haben. Dass der Verein fast automatisch attraktiver wird, je häufiger halbwegs laufstarke Flügelstürmer aus Deutschland für eine Ablöse von 30 Millionen Euro nach England transferiert werden. Aber sie wissen auch, dass mehr dazugehört als Glück. Dass ein Verein wie der FC St. Pauli nie von allein funktioniert.

Es ist gerade einmal ein Jahr her, da hatten viele im Verein Angst abzurutschen. Wieder Chaos, wieder Unsicherheit. Diese Unsicherheit schien eigentlich überwunden zu sein, nachdem Stefan Orth 2010 zum Präsidenten gewählt wurde. Orth hatte die Finanzen in Ordnung gebracht, den Umbau des Stadions begonnen, ein Nachwuchsleistungszentrum aufgebaut.