Niemand weiß in diesen wilden Tagen, wie Deutschland in fünf Jahren aussehen wird. Aber eins ist sicher: Es wird islamischer werden. Von den 800.000 Flüchtlingen, mit denen allein für 2015 gerechnet wird, sind "mindestens 80 Prozent Muslime", vermutet Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Was bedeutet das für Deutschland? Und was bedeutet es für den Islam hier?

Schon gehen Ängste um, schwirren Gerüchte umher. Vor vielen großen Flüchtlingsunterkünften des Landes tauchen Salafisten auf und bieten den Neuankömmlingen aus dem Nahen Osten Trost, Essen und den Koran. Es heißt, die Saudis wollten in Deutschland 200 Moscheen für die Flüchtlinge errichten. Und mit einigem Recht wird die Frage gestellt: Wie halten es die Neuen mit den Frauenrechten? Mit der Trennung von Kirche und Staat? Mit Schwulsein, Jüdischsein und mit Satire?

Die Muslime, die jetzt nach Deutschland kommen, haben zuletzt nur Scheitern erlebt: Der Arabische Frühling ist gescheitert genauso wie die arabische Despotie, der islamische Extremismus führt zum Desaster. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat es in einem Interview mit der ZEIT gesagt: "Jetzt werden wir Hunderttausende arabisch geprägter Muslime bekommen. Und das ist, nach allem was mir mein französischer Kollege sagt, ein erheblicher Unterschied in Sachen Integration."

Frankreichs Muslime stammen zum überwiegenden Teil aus den ehemaligen Kolonien im Maghreb; drei der etwa vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, kommen aus türkischstämmigen Familien. Das hat den Islam hierzulande geprägt. Das geistliche Leben der Muslime in der Bundesrepublik war von Anfang an, seit die ersten "Sehnsuchtsmoscheen" der Gastarbeiter in den sechziger Jahren entstanden, eine Reaktion auf die Verhältnisse in der Türkei. Dort wurde der laizistische Kurs, die religionskritische Ideologie des türkischen Staatsgründers Atatürk, mit Waffengewalt durchgesetzt. In Deutschland ging das natürlich nicht; deshalb schickte die Religionsbehörde in Ankara 1984 einen Ableger nach Köln, die Ditib. Dieser Verband kam, um den Islam der türkischen Gastarbeiter zu kontrollieren. Es sollte keine religiöse Opposition im Exil entstehen, kein Ayatollah Khomeini, der die laizistische Regierung in der Türkei bedrohen könnte.

Bis heute kommen die Imame der Ditib-Moscheen aus Ankara, kaum einer von ihnen spricht Deutsch. Die Texte der Freitagspredigt werden über die Botschaft verteilt, die auch den Moscheebau beaufsichtigt. "Wir sind natürlich nicht begeistert, dass der türkische Staat hier so reinregiert", meint ein hochrangiger Beamter des Innenministeriums in Berlin. "Aber andererseits weiß ich bei der Ditib, was ich habe: Da gibt es keine Hassprediger."

Türkischer Staats-Islam ist nichts für die Neuen

Für die arabischen Zuwanderer aber, die jetzt wohl jährlich zu Hunderttausenden zu uns kommen werden, sind die Ditib-Moscheen uninteressant. Denn dort findet alles auf Türkisch statt. Oft hängt sogar ein Atatürk-Porträt an der Wand. Und selbst wenn die Sprachbarriere nicht wäre: Die Freitagspredigten haben manchmal etwas Routiniertes, schnell Konsumierbares – da ist wenig Leben drin, wenig Theologie, nichts für junge Leute, die nach Sinn hungern.

Eigentlich müsste dies also die Stunde des Aiman Mazyek sein. Sein Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ist zwar der kleinste der vier wichtigen Verbände, doch die Bezeichnung "Zentralrat" ist eine fromme Übertreibung. Aber er ist der einzige Verband für Araber. Predigten finden entweder auf Deutsch oder auf Arabisch statt. Und jetzt bekommt Mazyek auf einen Schlag Hunderttausende potenzielle Neumitglieder.

Wenn man ihn darauf anspricht, lächelt er wie ein frisch gekrönter König. Er hat nicht nur den richtigen Verein zur richtigen Zeit. Seine eigene Familie stammt obendrein aus Syrien, der Vater ist syrischer Elektroingenieur, die Mutter Konvertitin. Er hat Verwandte in Aleppo, in Damaskus, ein Teil hat sich nach Istanbul gerettet. Sein Arabisch ist zwar nach eigenem Bekunden eher mäßig. Aber er sitzt in Talkshows, sein Rat ist gefragt, ihn ruft Thomas de Maizière gern an, wenn er den Islam in Deutschland sprechen will.