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Machtverlust, damit kennt Angela Merkel sich aus. Ihre Karriere begann ja mit dem Machtverlust der CDU. Damals war die Partei unter ihrem Kanzler Kohl erstarrt, sie hatte sich abgeschottet vor der gesellschaftlichen Entwicklung, sie war eine im schlechten Sinne konservative, veränderungsresistente Partei geworden. Die CDU hatte die Macht verloren, weil sie nichts mehr wagte, weil Kohl seiner Partei zu wenig zugemutet hatte. Merkel hat das damals erkannt.

Mutet nun sie ihrer Partei zu viel zu? Merkels Entscheidung, Deutschland für die Flüchtlinge zu öffnen, könnte die spektakulärste und weitreichendste ihrer Kanzlerschaft gewesen sein. Es könnte allerdings auch die Entscheidung werden, mit der sich die Vorsitzende ihrer CDU entfremdet wie mit keiner Entscheidung zuvor. Hat Merkel auf dem Zenit der Macht ihren Niedergang, ja den Machtverlust selbst programmiert?

Es gebe keine Kritik an Merkel, sagt ein Mitglied des Parteipräsidiums am Montag nach der Sitzung. Na gut, ein bisschen brüchig sei die Stimmung schon, räumt er nach fünf Minuten ein. Okay, vielleicht kippe die Stimmung, sagt er, nachdem er eine halbe Stunde aus den Kommunen berichtet hat.

In lange verdrängte konservative Reflexe mischen sich da pragmatische Bedenken: Schaffen wir das? Es geht jetzt nicht mehr um gefühlten Konservatismus, die Problemlöserin Merkel steht plötzlich als Problemverursacherin da.

Die Prognose, es könne der Partei irgendwann zu viel werden, schwebte von Anfang an über Merkels Führung. Merkel hat die CDU in einen permanenten Erneuerungsprozess getrieben. Sie folgte keinem Masterplan, und sie konnte ihre Partei für ihre ununterbrochene Modernisierung nie wirklich begeistern. Aber sie hat sie grundlegend verändert: Elterngeld, Mindestlohn, Gleichstellung homosexueller Paare, Verstaatlichung von Banken, Ende der Atomkraft, Ende der Wehrpflicht – mit der Partei von 1998 hat die CDU nicht mehr viel zu tun.

Die Identitätsprobleme, die sich die Partei damit einhandelte, waren zwangsläufig. Ist sie noch eine traditionsbewusste, orientierende und bewahrende Kraft? Oder ist sie unter Merkel zu einer Politikmaschinerie geworden, die auf jede Flexibilitätserwartung aus der Regierungszentrale mit Ja und Amen reagiert? "Liberal, sozial, konservativ", das sind die Wurzeln der CDU. So jedenfalls hat es Merkel bei unzähligen Gelegenheiten deklamiert, während ihre Parteiführung darauf hinauslief, der Union ihren Rest-Konservatismus auszutreiben.

Nur: Warum hat sich die Union dem Merkelschen Veränderungskurs all die Jahre unterworfen? Sicher, es gab das unbehagliche Raunen einer verunsicherten Mitgliedschaft, das immer wieder auf den Vorwurf hinauslief, Merkel verscherbele "das Tafelsilber" der Partei. Doch letztlich ertrug die Partei den Traditionsverlust, weil die CDU unter Merkels Führung Erfolg hatte. Und je unbelasteter von überkommenen Vorstellungen die Union wurde, desto pragmatischer und unsentimentaler widmete sie sich anstehenden Reformen in der Energie-, Sicherheits- oder Gesellschaftspolitik.