Gefährliche Langeweile

In einem überfüllten Flüchtlingslager in Darmstadt verteilen Mitarbeiter seit drei Wochen Handzettel mit dem Hinweis, dass es hierzulande verboten sei, Frauen gegen ihren Willen anzufassen. Auf dem Berliner Olympiagelände werden Flüchtlinge getrennt, in einer Halle sind Familien, Frauen und Kinder, in der anderen allein reisende Männer. Es handelt sich dabei um vorbeugende Maßnahmen. Weist der Deutsche Frauenrat doch alarmiert auf die besonders prekäre Lage für Mädchen und alleinstehende Frauen unter den Flüchtlingen hin. Die größten Integrationsprobleme, warnen Verbände, drohten von jungen männlichen alleinstehenden Asylbewerbern. Ihrer müsse man sich besonders annehmen.

Und gerade von ihnen gibt es besonders viele. Ob Syrer oder Afghanen, Eritreer, Nigerianer oder Albaner – die meisten Asylbewerber, etwa sechzig bis siebzig Prozent, sind laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt. 80 Prozent – und damit insgesamt einige Hunderttausend in Deutschland – sind Muslime, und es handelt sich dabei um sunnitisch-arabische, nicht um türkische Muslime.

Meist sind es junge Männer, die das Wagnis einer beschwerlichen Flucht auf sich nehmen. Und bisweilen umgehen sie dabei Ordnung und Gesetz, etwa, indem sie auf der Flucht Grenzzäune stürzen oder sich weigern, ihren Fingerabdruck abzugeben. Zehntausende sollen sich bereits in Deutschland ihrer amtlichen Registrierung entzogen haben. Niemand weiß, wo sie stecken.

Meist sind es junge Männer, die in Flüchtlingsheimen wie etwa in Suhl eine Schlägerei anzetteln. Oder, wie neulich zwischen München und Berlin, einen Zug per Notbremsung stoppen und herausspringen, weil sie sich nicht verteilen lassen, sondern selber bestimmen wollen, wo sie leben werden.

Gerade auf jungen Männern aber lasten die gewaltigen Erwartungen ganzer Familien, die hoffen, dass sie so schnell wie möglich einen Job finden, Geld schicken und Verwandte nachholen. Der Druck auf diese jungen Männer ist enorm. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, was es für einen selber bedeuten würde, monatelang in einer Flüchtlingsunterkunft untätig warten zu müssen. Nur Syrer dürfen meist schon nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen – und selbst dann müssen sie noch Hürden überwinden.

Eine Einwanderungsgesellschaft muss lernen, mit diesen Konflikten umzugehen

Darum wächst mancherorts die Befürchtung, dass einige dieser jungen Männer bald frustriert sein könnten. Dass einige sich abwenden, einigeln, Banden bilden oder sich religiösen Extremisten anschließen könnten. Im Kanzleramt und auf Sicherheitskonferenzen der Polizeibehörden und Nachrichtendienste sind junge männliche muslimische Asylbewerber deshalb ein großes Thema. Am 29. September wird sich die Bundeskanzlerin mit zivilgesellschaftlichen Organisationen treffen. Auch da soll die Sprache auf die jungen Männer kommen.

Selbstverständlich sind die jungen Männer so unterschiedlich wie ihre geografische Herkunft, ihre Bildung, ihre religiöse Ausrichtung und ihr sozialer Stand. Allzu oft wird auf ihre Kosten politisch Stimmung gemacht. Dabei sind viele von ihnen gut ausgebildet und ehrgeizig. Gerade auf sie setzt die deutsche Wirtschaft ihre Hoffnungen, will sie doch so schnell wie möglich offene Stellen im Handwerk und in der Industrie besetzen.

Dennoch zeigen die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung: Gerade junge männliche Muslime tun sich oft besonders schwer mit Ablehnung und Misserfolg. Etliche fühlen sich in ihrer Ehre und Männlichkeit verletzt, brausen in ihrem Frust schneller auf, suchen Halt in extremen Formen ihrer Religion und pochen auf Autorität und die strenge Einhaltung traditioneller Geschlechterrollen.

"Klassische Rollenbilder, bei denen der Frau Haushalt und Familie zugeordnet und der Mann in der Ernährerrolle gesehen wird", heißt es in einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge von 2014, "sind bei Muslimen deutlich stärker verbreitet als bei Christen. Ansichten über Keuschheitsnormen bleiben unter Muslimen vom allgemeinen Liberalisierungstrend unberührt." Und in einer Untersuchung der Fachhochschule Dortmund im Auftrag des Familienministeriums von 2010 steht: "Gewaltanwendungen, die von Jugendlichen muslimischer Herkunft angeführt werden, sind sehr vielfältig." Oft beruhten diese auf einem bestimmten Bild von Männlichkeit sowie der bedingungslosen Verteidigung der Familienehre.

Eine Einwanderungsgesellschaft muss lernen, mit diesen Konflikten umzugehen. Umso wichtiger ist es, Flüchtlingen – und vor allem den jungen Männern unter ihnen – so schnell wie möglich eine Ausbildung und einen Job zu verschaffen. Ebenso entscheidend sei es, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Flüchtlinge über die deutsche Kultur, die wesentlichen deutschen Verfassungsrechte und über den Umgang von Mann und Frau zu unterrichten: "Wir brauchen einen Masterplan! Das ist überlebensnotwendig." Das will auch Ulrike Helwerth vom Deutschen Frauenrat der Kanzlerin beim Treffen am 29. September sagen.

Mitarbeit: Juliane Rosenkranz und Merlind Theile

In der ursprünglichen Fassung dieses Textes stand, die Untersuchung der Fachhochschule Dortmund im Auftrag des Familienministeriums sei aus diesem Jahr. Wir haben dies auf 2010 korrigiert und bitten darum, den Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion