Von den Monatsnamen des französischen Revolutionskalenders, der bis 1805 galt, kennt man heute vor allem den Brumaire, den "Nebelmonat". Am 18. und 19. Brumaire des Jahres VIII, dem 9. und 10. November 1799, ergriff Napoleon Bonaparte in Frankreich die Macht. Am ersten Tag ernannten ihn die beiden Kammern des Parlaments, der Rat der Alten und der Rat der 500, zum Kommandanten von Paris. Am zweiten Tag jedoch wäre der Putsch beinahe noch verhindert worden. Denn als Napoleon den Rat der 500 aufforderte, Frankreichs Regierung abzusetzen, begriffen die Abgeordneten, was er im Schilde führte.

"Nieder mit dem Diktator!" riefen sie Bonaparte zu, und: "Stellt ihn außerhalb des Gesetzes!" Unter diesen Rufen war Maximilien Robespierre 1794 zur Guillotine geführt worden. Bonaparte erlitt einen Schwächeanfall. Etliche Militärs und Politiker, die in seine Putschpläne eingeweiht waren, schlichen sich davon. Da führte ein General namens Joachim Murat eine Abteilung Grenadiere heran. Sie trieben die Abgeordneten mit vorgehaltenem Bajonett aus dem Saal. Eingeschüchtert, stimmten die Deputierten der Machtergreifung Napoleons noch am selben Abend zu.

Fortan waren die Schicksale Joachim Murats und Napoleons eng miteinander verbunden. Murat wurde zu einem Mitglied des Familienclans: Wenige Monate nachdem er Napoleon das Leben gerettet hatte, heiratete er dessen jüngste Schwester Caroline. 15 bewegte Lebensjahre lagen da noch vor ihm, 15 Jahre, in denen er Napoleon zu größter Macht verhelfen und ihm am Ende in den Rücken fallen sollte – bevor er am 13. Oktober 1815 in Italien eines gewaltsamen Todes starb.

Der Mann, der an Napoleons Seite Europa verändert hat, war eine typische Erscheinung seiner Zeit, ein Aufsteiger, der sein Schicksal selbst in die Hand nahm. Zur Welt gekommen war er am 25. März 1767 im südfranzösischen Labastide-Fortunière (das heute Labastide-Murat heißt). Sein Vater, ein Gastwirt, diente als Verwalter in der Familie des späteren Außenministers Charles-Maurice de Talleyrand, und die verschaffte dem Sohn einen Platz am Collège von Cahors. Anschließend studierte der junge Murat Theologie und wurde Abbé, musste aber wegen seines ausschweifenden Lebenswandels den Priesterstand bald wieder verlassen.

1787 trat er, 20 Jahre alt, in die Armee ein. Auch hier bewährte er sich nicht. Man entließ ihn wegen mangelnden Gehorsams. Nach Beginn der Revolution kehrte er in die Armee zurück, 1792 wurde er zum Offizier befördert.

Zur ersten Mal begegneten sich Napoleon und Murat im Oktober 1795. Seit dem Ende der Jakobinerherrschaft regierte das Direktorium. Im Oktober erhoben sich in Paris die Königstreuen zum Aufstand. In dieser Situation berief der einflussreichste Mann des Direktoriums, Paul Barras, Napoleon zu seinem militärischen Berater. Dieser befahl Murat, mit seiner eskadron chasseurs (seinen Jägern zu Pferde) 40 Kanonen aus dem Arsenal der Nationalgarde zu den Tuilerien zu eskortieren. Murat führte den Auftrag schnell aus, und Napoleon ließ die Königstreuen mit den Kanonen zusammenschießen.

In den folgenden Jahren, bei Napoleons Feldzügen in Italien und Ägypten, zeichnete sich Murat als Kavallerist aus. 1799 wurde er zum Divisionsgeneral befördert. Später machte ihn Napoleon zum Stadtkommandanten von Paris.

Spätestens seit seinem Eingreifen am 19. Brumaire war Murat Napoleons treuester Diener und Kämpfer. Immer wieder half er seinem Herrn, Gegner abzuschrecken – so auch im März 1804, als Napoleon den Herzog von Enghien, der einer Seitenlinie der Bourbonen entstammte, aus dem Städtchen Ettenheim im neutralen Baden entführen ließ. Murat stellte auf Napoleons Geheiß ein Militärgericht zusammen. Die Offiziere hatten gegen Enghien nichts in der Hand, verurteilten ihn aber auftragsgemäß zum Tode. Nach der Bluttat belohnte Napoleon Murat mit einer Gratifikation von 100.000 Francs.

Einige Monate später krönte sich Napoleon in Notre Dame zum "Kaiser der Franzosen" und verlieh seinen Schwestern den Titel "Kaiserliche Hoheit". Murat durfte seiner Gattin Caroline fortan nur in großem Abstand in den Familiensalon folgen, der strikten Hofetikette wegen. Schließlich aber erhob Napoleon ihn zum Prinzen und stellte ihn somit protokollarisch gleich.