DIE ZEIT: Herr Sevecke, nach langem Streit haben Sie sich überraschend mit den Anwohnern in Harvestehude auf einen Kompromiss für die geplante Flüchtlingsunterkunft geeinigt. Wie kam es dazu?

Torsten Sevecke: Das Oberverwaltungsgericht hatte einen Vergleich vorgeschlagen, davon waren die Gegner der Unterkunft zurückgetreten. Wir im Bezirk Eimsbüttel haben daher einen neuen Bebauungsplan entwickelt. Spätestens Ende dieses Jahres hätten wir erste Genehmigungen bekommen. Das und vermutlich auch die Entwicklung der Flüchtlingssituation haben dazu geführt, dass sich die Gegenseite wieder gesprächsbereit gezeigt hat.

ZEIT: Warum gab es zuvor derart verhärtete Fronten?

Sevecke: So schlimm war es nicht. Ich habe Herrn Tuttlewski, den Anwalt der Gegenseite, mehrfach getroffen. Es stimmt nicht, dass es eisiges Schweigen gegeben hätte. Natürlich sind wir nicht auf den Rathausmarkt gegangen, um die Probleme zu diskutieren.

ZEIT: Warum brauchte es erst die Vermittlung des CDU-Abgeordneten Michael Westenberger für den Durchbruch?

Sevecke: Es ist richtig, dass Herr Westenberger das formal eingeleitet hat und die Antragsteller zu mir ins Bezirksamt begleitete. Aber wenn die beiden Herren allein gekommen wären, hätte ich natürlich auch mit ihnen gesprochen.

ZEIT: Im Juni klang das noch anders, da sagten Sie der ZEIT sinngemäß: Wir kämpfen das jetzt durch. Warum sind Sie davon abgerückt?

Sevecke: Im ersten Moment ist man immer angefressen, wenn eine vernünftige Einigung nicht zustande kommt. Aber es gibt eben Rechtsmittel, die man gegen einen Bebauungsplan einlegen kann – und das braucht Zeit. Mir war es da bei der aktuellen Lage lieber, 190 Plätze in Wohnungen zu bekommen, als noch lange Zeit vor Gerichten zu streiten.

ZEIT: Also haben Sie auch aus Zeitdruck zugestimmt, weil Sie die Plätze einfach brauchen?

Sevecke: Selbstverständlich. Wenn ich mich in zwei Jahren rechtlich durchsetze, bringt mir das nichts. Die Menschen stehen jetzt vor unserer Tür und brauchen ein Dach über dem Kopf.

ZEIT: Die Verhandlungen für die Einigung liefen, hört man, unter großer Geheimhaltung.

Sevecke: Es ist bei solchen Verfahren nie klug, alle Beteiligten jederzeit miteinzubeziehen. Natürlich gilt es, jede Position zu berücksichtigen und sich später abzustimmen. Das ist ein großes Hin und Her, was aber nicht ungewöhnlich ist.

ZEIT: Die Nutzung für Flüchtlinge ist auf zehn Jahre befristet. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Sevecke: Von 2024 an können wir das Gelände für den sozialen Wohnungsbau nutzen. Für uns ist das eine konsistente, gute Lösung.

ZEIT: Aber tanzen die Anwohner Ihnen nicht auf der Nase herum, wenn sie der Stadt sagen, wie sie die Fläche zu nutzen hat? Ist das üblich?

Sevecke: Üblich ist das nicht. Wenn die Stadt allerdings zweimal vor dem Verwaltungsgericht und dann vor dem Oberverwaltungsgericht verloren hat, ist die Situation eine andere. Immerhin wird das nicht wieder passieren, weil die Bundesregierung nun die baurechtlichen Vorschriften ändert.

ZEIT: Die Richter verwiesen auf den Baustufenplan von 1955, der das Wohngebiet als "besonders geschützt" ausweist. Dennoch könnte der Eindruck bleiben: Wer gute Anwälte bezahlen kann, darf sich sein Flüchtlingsheim nach Gusto gestalten.

Sevecke: Nicht auf gute Anwälte, auf gute Argumente kommt es an. Wenn anderswo der Bebauungsplan ebenfalls nur einen Kompromiss hergibt, kann man zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Dass kritische Bauvorhaben gerichtlich überprüft werden, halte ich für normal und richtig.

ZEIT: Dass eine Symbolwirkung von Harvestehude ausgeht, befürchten Sie nicht?

Sevecke: Der Senat hat klargemacht, dass in jedem Stadtteil eine Flüchtlingsunterkunft durchgesetzt wird – notfalls über außergerichtliche Einigungen. Das ist ein wichtiges Signal: Wir werden versuchen, in jedem Stadtteil Flüchtlingsunterkünfte einzurichten, damit keine Ballung entsteht. Es geht um das Prinzip der Gleichverteilung, da müssen alle mitmachen.

ZEIT: Wir meinten eher die Botschaft: Aha, die feinen Harvestehuder können sich ihre Flüchtlinge aussuchen.

Sevecke: Dass zu 80 Prozent Familien in die Unterkunft kommen sollen, ist keine Idee der Harvestehuder. Das muss man mal festhalten. Die Formulierung stammt aus dem Vergleichsvorschlag des Oberverwaltungsgerichts. Ich finde, das ist ein fairer Vergleich angesichts der Rechtslage.

ZEIT: Der Anwalt der Kläger teilte mit, die Harvestehuder wollten den Flüchtlingen nun aktiv bei der Integration helfen. Halten Sie das für glaubwürdig?

Sevecke: Ob ich Herrn Tuttlewski das persönlich abnehme, weiß ich nicht, der wohnt in Bergedorf, soweit ich weiß. Seine Mandanten halte ich für honorige Bürger, die lediglich ihre Rechtspositionen und ihre Grundstückswerte verteidigt haben. Das ist legitim.