Ein Bagger, der nicht baggert. Ein Dixi-Klo, das niemand benutzt. Eine streng bewachte Straße, die ins Nirgendwo führt – auf dem Mauna Kea, Hawaiis höchstem Berg, scheinen die Götter verrückt geworden zu sein. Eigentlich soll hier, in einer windigen Einöde, an einem gewaltigen Teleskop gebaut werden. Auf 4.205 Meter Höhe soll einst das Thirty Meter Telescope (TMT) ins All blicken und zum Teil eine zehnfach höhere Auflösung als das Hubble-Weltraumteleskop erreichen.

Doch der Mauna Kea, auf dem bereits 13 andere Observatorien stehen, bietet nicht nur ausgezeichnete Beobachtungsmöglichkeiten, er ist auch heilig. Der hawaiianischen Urbevölkerung gilt er als Nabelschnur zwischen Erde und Himmel. Er gehört zur Ohana – zur geliebten Familie, die in Hawaiis Kultur eine unschätzbare Rolle spielt. Und auf Familienmitgliedern baggert man eben nicht herum. Deshalb gibt es seit Monaten Proteste, die Baugeräte stehen still in der marsähnlichen Landschaft, und die Wissenschaftler sind frustriert.

"’A’ole TMT" – Nein zum TMT. Wer in diesen Tagen über die hawaiianischen Inseln fährt, liest allerorten "’A’ole TMT", auf T-Shirts, an Zäunen, in den Auslagen von Buchläden. Die einzige Unmutsäußerung ist es indes nicht. Andere Slogans richten sich gegen Gentechnik, Windkraftanlagen, Tourismusprojekte, gegen Investoren vom Festland. "Keep the country country", ist das gemeinsame Motto aller Proteste: Lasst das Land ländlich bleiben.

Es scheint, als ob hier eine breite Koalition von Wutbürgern erwacht ist, die sich gegen alles Moderne, Fremde richtet. Auf den Straßen sind Autos mit selbst gebastelten Kennzeichen des "Königreichs Hawaii" unterwegs. Sie gehören Anhängern einer erstarkenden Unabhängigkeitsbewegung, die noch immer gegen die Annektierung durch die USA im Jahr 1898 kämpfen.

Die Astronomen sind da ein willkommener Blitzableiter. Denn im weithin sichtbaren Großprojekt TMT bündelt sich all der Unmut über fremde Einflussnahme. "Wir sind nicht gegen das TMT, wir wollen es nur nicht auf unserem Mauna", sagt Lanakila Mangauil, einer der Wortführer der Proteste. "Falscher Berg, falsche Zeit, falsche Leute." Seine Generation habe gelernt, das Land zu schätzen – und zu schützen, sagt der junge Hawaiianer. "Was frühere Generationen Fortschritt nannten, nenne ich Selbstmord."

Die Astronomen hoffen auf einen Blick in die Jugend des Universums

"Die ganze Kontroverse geht letztlich gar nicht ums TMT", meint hingegen Alexis Acohido, eine junge Astronomin mit hawaiianischen Wurzeln. Sie sitzt im Keller des riesigen Gemini-Teleskops, einem fensterlosen, von Rohren durchzogenen Raum, der zugleich als Kantine dient. Denn Platz ist kostbar auf dem Mauna Kea. Draußen, hundert Meter weiter, stemmen einige ihrer Landsleute Fahnen gegen den Wind, singen und beten.

"Natürlich ist es wichtig, dass wir unsere Kultur und Tradition bewahren, aber das darf uns nicht blind machen für die Zukunft", sagt Acohido. Schon immer seien die Hawaiianer offen für Innovationen gewesen. "Die Vorstellung, dass unsere Vorfahren diese neue Technologie abgelehnt hätten, von der nicht nur sie, sondern die ganze Welt profitiert, fällt mir schwer." Vor vier Monaten hat Acohido ihren Standpunkt in der Zeitung der Universität von Hawaii klargemacht, seitdem erhält sie wütende Mails. Sie solle zu ihren Wurzeln zurückkehren, muss sich Acohido belehren lassen und lesen, dass sie eine schlechte Hawaiianerin sei.

Zumindest in den Sozialen Medien haben die Gegner die Überhand: Bei Instagram finden sich etwa 17.000 Bilder mit dem Hashtag #TMTshutdown. Und die Facebook-Gruppe "Schützt Mauna Kea" zählt mehr als 16.000 Unterstützer, deutlich mehr als die offizielle Seite des TMT. Dennoch ist Acohido überzeugt: "Die Astronomen hätten nicht viel anders machen können."