Für ein Inkassobüro ist ein Titel somit sehr attraktiv, und es tut gut daran, so einen Titel schnell zu ergattern. Wenn der Schuldner sich nicht durch eine Privatinsolvenz schützt, gilt das, was die Schuldnerberater das "Windhund-Prinzip" nennen: Wer zuerst den Lohn gepfändet hat, bekommt die fette Beute. Seine Ansprüche werden vor denen der übrigen Gläubiger bedient. Das deutsche Rechtssystem verschärft die Situation der Schuldner, statt sie zu beruhigen.

Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz, sagt: "Es gibt eine Schwachstelle im System. Wir müssen das Gesetz evaluieren." Vielleicht bräuchte man auch Kontrolleure, die den Inkassobetrieben Besuche abstatten – wie in anderen Wirtschaftsbranchen üblich.

Im Oktober 2013 hat der Gesetzgeber zum ersten Mal überhaupt die Höhe der Kosten begrenzt, die Inkassounternehmen in Rechnung stellen dürfen. "Da sind wir sehr gut davongekommen, wenn ich ehrlich bin", sagt Patric Weilacher vom Verband der Inkassofirmen, er ist stolz auf seine Lobbyarbeit. Mindestens einmal im Monat hat er einen Termin im Justizministerium. Im Gesetz steht jetzt, dass die Inkassokosten die Sätze der Rechtsanwälte nicht überschreiten dürfen. Weilacher formuliert es anders herum: "Wir dürfen also genauso viel nehmen wie ein Anwalt." Und das ist nicht gerade wenig.

Liegt die Forderung unter 500 Euro, darf ein Inkassobüro zum Beispiel eine pauschale Gebühr von 70,20 Euro verlangen. Das lohnt sich, denn bei den Forderungen handelt es sich oft um sehr geringe Beträge. Manchmal sind es auch nur ein paar Cent, so wie bei Call-by-Call-Verbindungen, mit denen man günstiger telefonieren kann. Sie tauchen auf der Telefonrechnung auf, aber wenn man sie nicht bezahlt, geben die Call-by-Call-Anbieter die Forderungen sofort an ein Inkassobüro weiter.

Der Jurist Zimmermann hat ein informelles Netzwerk von Schuldnerberatern ins Leben gerufen, die in ihrer Freizeit Fälle zusammentragen, damit ein zu dreist vorgehendes Inkassobüro abgemahnt werden kann. Doch wenn das Netzwerk einen Erfolg erzielt, erfahren die vielen anderen Schuldnerberater in Deutschland nicht davon. "Wir brauchten eine gemeinsame Datenbank, eine Art Inkasso-Watch", sagt Zimmermann. Aber es gibt keine solche Datenbank, es gibt keine Kontrolle. So kommt es, dass viele Inkassobüros sogar Kosten verlangen, die weit über die gesetzliche Grundlage hinausgehen. Sie drohen, sie schüchtern ein, und es gibt niemanden, der sie stoppt.

Ein Unternehmen, auf das das Netzwerk der Schuldnerberater besonders häufig stößt, ist das Inkassobüro Arvato Infoscore, das zum Beispiel die Forderungen der Deutschen Bahn eintreibt. Arvato Infoscore arbeitet mit der Rechtsanwaltskanzlei Haas und Kollegen in Baden-Baden Tür an Tür zusammen. Wer schwarzgefahren ist und nicht pünktlich bezahlt hat, bekommt erst einen Brief von Arvato Infoscore und wenig später einen von den Rechtsanwälten. Er soll also doppelt Gebühren zahlen. Der ZEIT liegen Dutzende Dokumente vor, die diese Methode belegen.

Arvato Infoscore gehört zu einem großen deutschen Konzern, der sein Geld eigentlich mit Zeitungen, Büchern und Fernsehen verdient, seit einigen Jahren aber auch das Geschäft mit den Schulden betreibt: Bertelsmann.

Auch EOS, das größte deutsche Inkassobüro, ist Teil eines Konzerns, der in der Öffentlichkeit nicht als Schuldeneintreiber bekannt ist. Das Unternehmen wurde 1974 unter dem Namen Deutscher Inkasso-Dienst als Teil der Rechtsabteilung des Versandhauses Otto gegründet. Heute ist EOS ein weltweit agierendes Unternehmen, mit Niederlassungen in Polen, Großbritannien und den USA und einem Jahresumsatz von über 566 Millionen Euro.

Offiziell, so stellt es das Unternehmen dar, entstand EOS, weil der Otto-Versandhandel so stark gewachsen war, dass ein Teil der Rechtsabteilung ausgelagert werden musste. Vielleicht spielte aber auch eine Rolle, dass der Gläubiger selbst nach deutschem Gesetz nur wenige Euro pro Mahnschreiben verlangen und nur den tatsächlichen Aufwand in Rechnung stellen darf. Reicht Otto jedoch seine Mahnungen an EOS weiter, gehen die Ansprüche auf eine rechtlich eigenständige Gesellschaft über, die viel höhere Kosten verlangen kann. "Otto hat damit angefangen, seine Forderungen in einen konzernzugehörigen, aber rechtlich selbstständigen Inkassodienst auszulagern, um damit eine zweite Ernte einfahren zu können", sagt Dieter Zimmermann. "Dadurch sind alle anderen Anbieter ins Hintertreffen geraten. Sie waren rein betriebswirtschaftlich gezwungen, dieses System zu übernehmen."

Das Unternehmen EOS ist wie andere Inkassobüros auch längst dazu übergegangen, alte Forderungen paketweise aufzukaufen. Die alten Forderungen heißen Papiere, was nach Aktien klingt, nach einer lukrativen Anlage. Ein wenig ist es auch so, denn diese Papiere sind so begehrt, dass sie auch im Internet an Börsen gehandelt werden.

EOS zahlt für die Papiere nur ein paar Prozent der ursprünglichen Schulden; wie viel, will das Unternehmen nicht sagen, üblich sind fünf bis zehn Prozent. So bekommt ein Gläubiger, der eine Forderung von 1000 Euro hat, immerhin noch 50 oder 100 Euro – besser als nichts. Und EOS, an die Stelle des alten Gläubigers getreten, versucht jetzt so viele Menschen wie möglich zum Zahlen zu bringen. Gelingt das, darf EOS das ganze Geld behalten. So werden nicht bezahlte Rechnungen zu hoch profitablen Geldquellen.

EOS war in den vergangenen Jahren besonders interessiert an Konsumentenkrediten von Banken und an Titeln aus Krisenländern wie Griechenland und Spanien. Man kann sagen, EOS hat die Finanzkrise perfekt für sich genutzt.

Unternehmen wie EOS sind inzwischen so groß und professionell, dass sich viele Einzelhandelsunternehmen gar keine eigenen Mahnabteilungen mehr leisten. Platzt eine Lastschrift, beauftragen sie gleich ein Inkassounternehmen, ohne dem Kunden nochmals die Möglichkeit zu geben, die offene Forderung zu begleichen. Die Inkassofirmen fordern den Betrag ein – und zusätzlich mindestens die hohen Inkassogebühren. Ob das legal ist? Dazu gibt es unterschiedliche Rechtsauffassungen.

Im Einzelfall handelt es sich oft nicht um allzu große Summen – wer will da schon klagen, und welcher Anwalt will so ein Mandat schon annehmen. Die meisten Menschen, denen eine Lastschrift geplatzt ist, ärgern sich darüber, dass ihr Einkauf sich im Nachhinein als unverhältnismäßig teuer herausstellt. Sie bezahlen und vergessen die Sache. Wehrt sich doch jemand gegen ein Inkassobüro, einigen sich die Inkassofirmen lieber außergerichtlich, um keinen Präzedenzfall zu schaffen.

Der Staat setzt den Inkassobüros kaum Grenzen. Und seit Kurzem beauftragt er sogar selbst Inkassofirmen, um Geld eintreiben zu lassen. Der Staat wird plötzlich zum Erntehelfer, das ist die nächste Stufe des Skandals.

Der Sozialdemokrat Stefan Komoß ist seit 2011 Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, einem hoch verschuldeten Stadtbezirk in Berlin. Bevor Komoß Politiker wurde, war er Geschäftsführer eines mittelständischen Personalentwicklers. Als er sein Amt antrat, hatte der Bezirk offene Rechnungen in Höhe von 16 Millionen Euro – Kita-Gebühren, die nie bezahlt worden waren, Friedhofsgebühren, Mieten, Schulessen. Komoß verkaufte einen Teil der alten Mietforderungen, um die sich kein Amt mehr kümmerte, an Altor – das Inkassobüro, bei dem Boris Linert arbeitet.