Seine Heimat Argentinien hat Rodrigo García verlassen, als er 20 war, 1984, ein Jahr nach dem Ende der Militärdiktatur. Er ging nach Spanien, wo das Theater schon immer am blutigsten und am katholischsten war, gründete seine eigene Truppe mit eigenen Schauspielern und beschloss, die eigene Biografie im Nacken, sich nicht groß mit fremden Texten aufzuhalten, sondern alle Stücke selbst zu schreiben: "Eine Hälfte meines Lebens habe ich in einem Land verbracht, wo es nicht genügend zu essen gab. Die andere Hälfte dort, wo alles im Überfluss da ist und vom Überfluss entwertet wird." Abgesehen davon, dass sich das mit dem Überfluss in Spanien inzwischen relativiert haben dürfte, zehrt Garcías wild-wüste, radikal körperbetonte, ja bisweilen brutale Ästhetik (von der man sich bereits zweimal an der Berliner Schaubühne überzeugen konnte) bis heute von seinem Weltenwechsel und von jener existenziellen Kluft, die die Menschen in immer ausweglosere Konfrontationen treibt.

Garcías Stücke tragen – nach guter, ganze Sätze bildender spanischer Tradition – böse, sonderbare Titel wie Ich habe einen Spaten bei Ikea gekauft, um mein Grab zu schaufeln oder Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch. Gern wälzen sich seine Darsteller in Bier, Ketchup, Mehl und Rasierschaum, gern ist es ohrenbetäubend laut, und der Einsatz von Video und Live-Elektronik ist dieser Bühnensprache so selbstverständlich eingeschrieben, dass man es kaum bemerkt.

Oper, heißt es, interessiere García eigentlich nicht. Warum er dann trotzdem an der Deutschen Oper Berlin Mozarts Entführung aus dem Serail, nun ja, in Szene setzt? Aus abgöttischer Liebe zu Mozart. Und weil die Entführung als Singspiel förmlich dazu einlädt, der konventionellen Erzählung des Stücks nicht zu folgen, sondern sie mit neuen Texten und Lars Eidinger als eigens hineingeschriebener Figur (nicht Bassa Selim!) gleichsam poetisch aufzuladen. Zur Beruhigung aller aufgebrachten Abonnenten: Mozarts Partitur wird García kein Haar krümmen. Das eint ihn mit Calixto Bieito, dem Katalanen, der vor fast zehn Jahren an der Komischen Oper seine drastische, Körperflüssigkeiten verspritzende Version der Entführung zeigte: erst ein Skandal, dann Kult. Nicht das Schlechteste für Mozart.