Es gibt nur wenige Führungsfiguren, die in uns den Wunsch wecken, bessere Menschen zu sein. Papst Franziskus tut das mühelos, spontan, nebenbei – in Situationen, die kein Medienstratege vorausplanen, und mit einer Unerschrockenheit, die man bei keinem Führungskräfteseminar lernen kann.

"Christen sollen dienen, statt sich zu bedienen", sagte er am vergangenen Sonntag in Havanna, und die Kubaner applaudierten ihm für diese Breitseite gegen die kommunistische Günstlingswirtschaft. Wenn der Staatspräsident Raul Castro gehofft hatte, der Armenpapst würde den Linkskatholiken im Lande schmeicheln, dann hatte er sich geirrt. Denn einer der Lieblingssätze dieses Papstes, den er seinen Kardinälen ebenso wie den Politikern einhämmert, lautet: "Die wahre Macht ist der Dienst." Dienen aber, so erklärte er den Kubanern, heiße, die Schwachen schützen und die Leidenden trösten. Dass das keine Floskel ist, macht er selber vor.

Zur Generalaudienz in Rom kommt im November seines ersten Amtsjahres der kranke Vinicio Riva, 53, aus Florenz. Der Körper des Mannes ist über und über mit Beulen bedeckt, sie verunstalten sein Gesicht, wuchern unterm Haar hervor. Riva leidet von Kindheit an unter Neurofibromatose, einer Erbkrankheit. Am 6. November 2013 reist er mit seiner Tante Lotta nach Rom, er wird einer von vielleicht hunderttausend Pilgern sein, die wie jeden Mittwoch den Petersplatz füllen und die vierspurige Zufahrtsstraße blockieren. So viel mehr als bei Benedikt. Riva hofft, wenigstens einen Blick auf den neuen Papst zu erhaschen. Und seine Tante glaubt, als die beiden es doch bis nach vorn zum Petersdom geschafft haben und tatsächlich Franziskus auf sie zukommt, er wolle ihr, der Begleiterin, die Hand schütteln.

"Doch er ging direkt auf Vinicio zu und umarmte ihn", erzählt Lotta später, "ich dachte, er lässt ihn nicht wieder los." Normalerweise haben die Menschen Angst vor Riva, vermeiden es, ihn auch nur anzusehen. Nach der unerwarteten Umarmung sagt er: "Das habe ich noch nie erlebt. Er hatte keine Angst vor mir. Er umarmte mich ohne Zögern, fest, ohne ein Wort. Ich kam mir vor wie im Paradies."

Dafür sind Päpste wohl zuständig, für den Himmel, fürs Transzendente und für die Moral. Doch Franziskus fühlt sich mehr als jeder seiner Vorgänger zuständig für die Welt, also für Politik. Deshalb ging er schon im Juli 2013 nach Lampedusa, um für die ertrunkenen Flüchtlinge zu beten und die europäische Flüchtlingspolitik anzuprangern, zwei Jahre bevor der Rest des Kontinents aufwachte. Deshalb machte er im August 2013 keinen Urlaub in der Sommerresidenz Castel Gandolfo, sondern verfasste eine sozialkritische Schrift Evangelii gaudium, worin er Kirche und Kapitalismus gleichermaßen traktierte, mit Hammersätzen wie: "Diese Wirtschaft tötet." Deshalb ließ er sich von Klimaexperten beraten, um im Juni 2015 mit einer "grünen" Enzyklika die festgefahrene Umweltdebatte zu befeuern: Jeb Bush protestierte, John Kerry applaudierte, ganz Amerika regte sich auf.

Und nun spricht er also zum Auftakt des UN-Nachhaltigkeitsgipfels in New York. Es wird einer der wichtigsten Gipfel aller Zeiten, fast 200 Staatschefs werden anwesend sein, darunter Barack Obama, Wladimir Putin und Xi Jinping. Zuvor beeilte sich der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der sich schon viermal mit Franziskus traf, zu versichern: "Wir brauchen die starke Stimme des Papstes!" Ja, tatsächlich. Da schwang im vorauseilenden Papstlob auch die Angst mit, dass dieser Papst sich schon wieder als der bessere Politiker erweist, als die entschlossenere Peace-Keeping-Force . Denn höchstwahrscheinlich wird er sich nicht auf Ökothemen beschränken, sondern die UN im eigenen Haus an ihre Schutzverantwortung erinnern: endlich etwas zu tun für Syrien und den Irak. "Ein dritter Weltkrieg ist im Gang", hat er schon mehrfach gesagt, zuletzt am vergangenen Samstag in Kuba. Mehrfach forderte er die Vereinten Nationen zum Handeln auf, doch während die noch ihre Uneinigkeit beklagten, lud er nach und nach alle Mächtigen dieser Welt nach Rom ein. Alle, von Merkel bis Tsipras, von Obama bis Putin.

Seine Strategie, die schon in Nahost funktionierte: Feindschaften ignorieren und mit allen reden. "Wir müssen die Kunst des Zuhörens üben. Nur dann finden wir selber die richtigen, versöhnenden Worte." Klingt sanft, ist aber knallharte Umarmungsstrategie. Franziskus kümmert sich im Gegensatz zu Berufspolitikern nicht darum, welcher seiner Gesprächspartner mit wem verfeindet ist. Sein römisches Einheitssekretariat spricht sogar mit Assad, und es heißt, der Papst sei nicht unschuldig an der neuen Bereitschaft der Russen und Amerikaner, eine gemeinsame Lösung für Syrien zu suchen.

Tatsache ist: Alle Staatschefs, außer seiner alten argentinischen Antipodin Cristina de Kirchner, lassen sich einwickeln von dem Friedensmissionar. Auf den Shakehands-Fotos aus der vatikanischen Bibliothek lachen sie immer ein bisschen eingeschüchtert, wie beste Freunde eines Mannes, der eben doch die größere Autorität ist. Das wird er garantiert noch ausnutzen in New York. Wenn Obama und Putin nicht aufpassen, lädt er sie zum Friedensgebet ein, so wie voriges Jahr den Palästinenserpräsidenten Abbas und Israels Staatschef Peres.