In medizinischen Doktorarbeiten gibt es besonders viele Plagiate. Daran sind oft die Doktorväter mit schuld

1991 erlangte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den Doktorgrad an der Medizinischen Hochschule Hannover. Ihre Arbeit wird nun von den Plagiatsjägern der Plattform VroniPlag kritisiert, die 27 Seiten wegen fehlender oder falscher Quellen beanstanden. Es ist die erste medizinische Dissertation einer prominenten Spitzenpolitikerin, die untersucht wird. Kritik an der Qualität dieser Abschlüsse gibt es allerdings schon lange: Medizinstudenten brauchen meist nur wenige Monate für ihre Arbeit, um sich am Ende Doktor nennen zu dürfen. Der Abschluss ist daher oft weniger ein wissenschaftlicher Titel, als vielmehr eine Berufsbezeichnung. Dementsprechend leidet die Qualität der Arbeiten. Martin Spiewak fasst die bereits vor dem von-der-Leyen-Fall schwelende Diskussion der vergangenen Monate in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zusammen.

Eigentlich dachte Ivonne Spallek, sie hätte das Kapitel längst abgeschlossen. Als sie jedoch den Brief der Universität Duisburg-Essen (UDE) in ihrem Briefkasten fand, kam alles wieder hoch. Die Auseinandersetzungen mit ihrem Professor, der niemals Zeit hatte. Die quälenden Abende vor den Erhebungsbögen nach der Arbeit in der Klinik. Das Thema der Dissertation, das sie anödete, ihr aber die begehrten Buchstaben vor dem Namen einbrachte.

Zehn Jahre lang durfte Dr. med. Ivonne Spallek* ihren Titel tragen. Jetzt ist er weg. Ihre Doktorarbeit, so hieß es in dem Schreiben der medizinischen Fakultät der Universität, sei nicht mehr als eine "gut gelungene Übersetzung" eines englischsprachigen Fachartikels ihres Doktorvaters. Die Dissertation "stellt damit ein Plagiat dar".

Die Ärztin fühlte sich ertappt – und gleichzeitig war sie empört. Denn eigentlich sei es doch umgekehrt gewesen, rechtfertigte sich Spallek gegenüber der Universität: Der Professor habe mit ihren Forschungsdaten ohne ihr Wissen einen Aufsatz veröffentlicht. Als sie ihn zur Rede stellte, habe er darauf hingewiesen, dass dies in der Medizin durchaus üblich sei. Sie solle – quasi zum Ausgleich – beim Abfassen ihrer Dissertation den Zeitschriftenartikel als Grundlage nehmen. Geholfen hat diese Erklärung der Ärztin nicht. Denn der Aufsatz ihres Professors war zuerst erschienen, ihre Dissertation somit ein Plagiat.

Leider konnte sich der Doktorvater im Nachhinein auch an keine dubiosen Ratschläge mehr erinnern. Dabei hätte er das angebliche Plagiat seiner Doktorandin doch leicht erkennen müssen. Schließlich war es doch sein eigener Aufsatz, vom dem sie eins zu eins kopiert hatte. Noch seltsamer: Auch drei weitere Doktoranden des Professors flogen auf, sie sollten ihre Promotion nach ähnlichem Muster angefertigt haben. Er sei wohl etwas überarbeitet und unkonzentriert gewesen, begründete der Doktorvater seine Unachtsamkeit.

Es gibt so manche Wunderlichkeit bei medizinischen Promotionen. Während Studenten anderer Disziplinen ihre Forschungsarbeit in Ruhe nach dem Examen anfertigen, verfassen Mediziner ihre Dissertation in der Regel neben dem Studium zwischen Hörsaal und Krankenbett. Wofür Historiker, Chemiker oder Ingenieure mindestens drei Jahre benötigen, dafür brauchen Ärzte wenige Monate. Entsprechend übersichtlich ist der Erkenntnisgewinn. Meist entspricht er gerade einmal dem Ertrag einer Masterarbeit in anderen Fächern. Dennoch werden die Nachwuchsmediziner wie alle anderen mit dem höchsten akademischen Titel belohnt.

Auf einem Feld aber sahen sich die Ärzte auf der sicheren Seite: Plagiate seien in der Medizin die "absolute Ausnahme". So tönte der Medizinische Fakultätentag (MFT), die Vertretung der Hochschulärzte, als sich die Wissenschaft im Zuge der Guttenberg-Enthüllung vor einigen Jahren zur Selbstreflexion gezwungen sah. Da die meisten Doktoranden ihre Dissertationen auf Behandlungsdaten oder Experimente stützten, bringe das Abkupfern wenig, so der MFT.

In diesem Punkt freilich scheinen die Oberdoktoren die Kreativität der Studenten und Professoren unterschätzt zu haben. Die "absolute Ausnahme" sind die Mediziner offenbar in anderer Weise, als der MFT meint – nämlich in Bezug auf die Häufigkeit, mit der im Fach geschummelt wird. Das legen zumindest bislang unveröffentlichte Daten der Plattform VroniPlag Wiki nahe. Die Erhebung ist nicht repräsentativ, aber von den insgesamt 151 dokumentierten Plagiatsfällen bei Dissertationen und Habilitationen stammen 84, also mehr als die Hälfte, aus der Medizin oder Zahnmedizin.