Zwei Monate noch, und die Reise seines Lebens beginnt. Dann setzt Karsten Knorr die Segel für die nächsten zwei Jahre. Sticht in See mit einem Katamaran, 30 Meter lang, angetrieben vom Wind in den Segeln und von Strom aus Solarzellen. Von Phuket in Thailand durch den Indischen Ozean, ins Mittelmeer, dann hinüber in die Karibik. Tauchen auf den Malediven. Chillen in Goa. Schwimmen an der Côte d’Azur. Kitesurfen vor den Kanaren. Weihnachten feiern auf Barbados. Vor allem aber: arbeiten.

Arbeiten? Genau. An Bord hat Knorr Platz für 20 Mitreisende, die unterwegs Geschäftsideen entwickeln, Businesspläne schreiben, Webseiten programmieren, Inspiration sammeln sollen. Wie Knorr sind sie Menschen ohne festen Arbeitgeber, ohne Büro und ohne Schreibtisch. Solche digitalen Nomaden brauchen nicht mehr als ein Notebook und eine Internetverbindung, um für Auftraggeber in Berlin oder Boston zu arbeiten, ganz ortsunabhängig. Kreative, die erst ein Verkaufskonzept ausarbeiten und dann eintauchen in die Unterwasserwelt eines Korallenriffs. Internetzugang ist auf dem Boot rund um die Uhr vorhanden, sogenannte Digital-Detox-Phasen zur kommunikativen Entgiftung mal ausgenommen.

Der Name des Katamarans: Coboat. Das leitet sich ab vom englischen Begriff co-working, der einen neuen Lebensstil bezeichnet, bei dem sich Freiberufler spontan zum kollaborativen Arbeiten zusammenfinden. Steuermann Knorr ist seit Langem Segler und Unternehmer und seit einiger Zeit auch digitaler Nomade. Die Idee zum Coboat hat er mit James Abbott entwickelt, der in Thailand den Kohub betreibt, das ist noch so ein co-working space, am Strand der Insel Ko Lanta. Schnorcheln, sonnen und dann schnell eine Präsentation pitchen an Herrn Huber in München oder Frau Werner in Frankfurt.

Im Mai reiste Knorr nach Berlin, zur Digitale Nomaden Konferenz. Im Publikum Menschen, die wegwollen: Die eine wandert mit ihrem Pony durch die Welt und bloggt von unterwegs. Eine andere schreibt E-Books über die besten Klettergegenden Europas, die ihr ein smart passive income bescheren sollen – wiederkehrende Einnahmen ohne wiederkehrende Arbeit.

Mittendrin Knorr, den Kopf voller Pläne, den Bauch voller Euphorie, in den Taschen viel Geld. Wie viel es kosten darf, das Boot? "Spielt keine Rolle", sagt Knorr. Er trifft Gerald Schömbs, Gründer der Werbeagentur Schröder Schömbs. Zusammen wollen sie bis zu eine Million Euro in die Hand nehmen, um ihren Traum wahr zu machen. Die Mitreisenden müssen zwar für den Aufenthalt an Bord zahlen, aber das soll nur die laufenden Kosten decken. "Um Profit", sagt Knorr, "geht es uns nicht."

Ging es ihm früher. Zur Jahrtausendwende gründete er mit Sascha Lobo, der heute als Digital-Vordenker gilt, und einem weiteren Kompagnon die Werbeagentur Lobo Weber Knorr, die etablierte Unternehmen ins Internet bringen wollte. Als die Dotcom-Blase platzte, ging den Kunden das Geld aus, und die Agentur fuhr "großartig gegen die Wand", erzählt Knorr. Er zog nach Australien und fragte sich: "Was machste da? Normalen Job suchen? Haste noch nie gemacht." Also gründete der begeisterte Segler ein Internetportal, über das sich Jachten chartern lassen. Das lief so gut, dass er bald ausgesorgt hatte, ein kleines Team beschäftigen und seine Wochenarbeitszeit auf ein paar Stunden reduzieren konnte.

Knorr reduzierte noch etwas: seinen Besitz. Gab alles weg bis auf zwei Kisten, darin Fotoalben, die ersten Liebesbriefe, wichtige Dokumente. Nun reist er durch die Welt. Philippinen, Polynesien, Fidschi. Immer ohne festes Zuhause, "ohne Homebase", wie er sagt. Gerade hat er den Katamaran von den Malediven herübergesegelt. Jetzt wird das Schiff in Thailand fit gemacht für den Nomadentrip. Es braucht Batterien, eine Wasseraufbereitungsanlage, Antennen für den Internetempfang. Und Mitsegler. Was, wenn die wider Erwarten ausbleiben? Auch nicht schlimm. "Das Coboat ist kein Businessmodell", sagt Knorr, "sondern ein Lebensmodell."