Als Silvio Berlusconi als aufstrebender Bau- und Fernsehunternehmer vor fast drei Jahrzehnten die Associazione Calcio Milan übernahm, erlebte die Fußballwelt die Inszenierung einer großen Oper. Berlusconis erste Mannschaft wurde im Hubschrauber des Patrons auf das Spielfeld geflogen, dazu erklang Wagners Walkürenritt. Präsident Berlusconi machte den alten Mailänder Arbeiterklub zu einem schillernden Fußballunternehmen mit einer beeindruckenden Sammlung von Trophäen: 18 Meisterschaften, sieben Champions-League- und Landesmeister-Pokale, fünf Uefa-Pokale, zwei Europapokale der Pokalsieger. Für Berlusconis Milan spielten die großen Holländer Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard, die Italiener Paolo Maldini, Franco Baresi, Roberto Baggio und Filippo Inzaghi, der Deutsche Oliver Bierhoff, der Ukrainer Andrej Schewtschenko, die Brasilianer Leonardo und Kakà und der Liberianer George Weah.

Jetzt, nach 29 Jahren, will Berlusconi zum ersten Mal ein Stück seines Clubs verkaufen, einen Anteil von 48 Prozent. Ende September soll das Geschäft besiegelt werden, doch bislang gestaltet es sich wie eine Telenovela aus seinem Fernsehsender Mediaset. Auch Milan spielt längst keine große Oper mehr: Der letzte Meistertitel datiert von 2011, bereits in der zweiten Saison wurde die Qualifikation für einen Uefa-Wettbewerb verpasst. Das Derby gegen den Lokalrivalen Inter verlor Berlusconi vor zwei Wochen, inzwischen steht die Mannschaft auf dem neunten Tabellenplatz. Inter hat alles gewonnen und ist Erster.

Bald werde alles besser, verspricht Berlusconi: "Wir konstruieren gerade ein großes Milan." Wir, das sind sein Geschäftspartner Bee Taechaubol und er. Von Taechaubol, den die italienischen Medien der Einfachheit halber nur Mr. Bee nennen, weiß man nicht viel mehr, als dass er ein Investor aus Thailand ist und über viel, sehr viel Geld verfügen muss. Sonst könnte er jene 480 Millionen Euro, die Berlusconi für den Minderheitsanteil von Milan verlangt, ja nicht auf den Tisch legen. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren übernahm der Indonesier Erick Thohir 70 Prozent von Inter Mailand für 250 Millionen Euro. Thohir ist inzwischen Inter-Präsident. Berlusconi will bei Milan auf dem Chefsessel bleiben, andere Posten haben ihn noch nie interessiert. Mr. Bee wird lediglich ein dritter Geschäftsführer zugestanden, neben dem langjährigen Manager Adriano Galliani und Berlusconis drittgeborener Tochter Barbara.

Wird Taechaubol wirklich so viel zahlen? Und wenn ja, woher wird das Geld kommen? Über Wochen nährte Berlusconi Gerüchte, hinter seinem Partner stehe die chinesische Staatsbank. Ausgerechnet die Chinesen würden also ihm, dem strammen Antikommunisten, auf die Sprünge helfen. Jetzt, kurz vor Abschluss, wird die thailändische Königsfamilie ins Spiel gebracht, auch über Putin wird gemunkelt, denn diesen alten Freund hatte Berlusconi erst vor zwei Wochen wieder besucht. Unter Parteichefs und gekrönten Häuptern macht es der italienische Signor B. nicht, schließlich war er selbst drei Mal Ministerpräsident seines Landes. Inzwischen ist er als verurteilter Steuerbetrüger, der zehn Monate lang Sozialstunden in einem Altersheim ableisten musste, allerdings seines Sitzes im Parlament verlustig, und seine Partei Forza Italia löst sich zusehends auf. Damit nicht genug, machen ihm seine beiden ältesten Kinder Druck, die den familieneigenen Konzern Fininvest leiten: Weg mit dem Fußball, der frisst Geld und bringt nur Ärger. Der Patriarch muss also verkaufen.

Wirklich nur 48 Prozent? Und tatsächlich für fast eine halbe Milliarde? Während die Tifosi fürchten, Mr. Bee würde in letzter Minute absagen, wittern die Journalisten krumme Sachen. Nach Recherchen des Wochenmagazins L’Espresso sind die Berater von Mr. Bee alte Bekannte von Berlusconi. Die Vermutung, das Geld aus Thailand stamme in Wirklichkeit aus schwarzen Auslandskassen von Signor B., dementierte Fininvest so energisch, wie man den Verdacht von Geldwäsche in großem Stil von sich zu weisen pflegt.

Mr. Bee aber schweigt. Anstatt zum Fußball nach Mailand zu fahren, feierte er lieber seinen 40. Geburtstag in Florenz. Zu Berlusconis 79. am 29. September wird er es leider auch nicht schaffen. Das mache nichts, sagt der Milan-Patron. Es zähle nur der Tag danach.