Damenprogramm

Ein verspäteter Sommertag, die Sonne wärmt noch mal. Auf einer Aussichtsterrasse hoch über dem Rhein bei Bingen sitzen vier Frauen, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten haben: Hilde Dahn (87), eine lustige alte Dame, die ihr Übergewicht mit großer Würde in einem bequemen Sessel platziert hat, daneben, ernst und drahtig, ihre Enkelin Tatjana Basting (42). Hildes älteste Tochter Roswitha Basting-Göttelmann (67) lehnt lässig an der Balkonbalustrade, während ihre Schwester Sigrid Fischer (65) Sekt ausschenkt. Dann heben sie gemeinsam das Glas, obwohl es gerade gar nichts zu feiern gibt außer vielleicht der Vorfreude. Denn die Damen teilen eine Leidenschaft: lange, ausgedehnte, in dieser Konstellation wohl einzigartige Reisen. Vor knapp zwei Wochen sind sie aus Kanada zurückgekehrt, jetzt denken sie darüber nach, wohin es als Nächstes gehen soll. Dubai wäre wirklich mal interessant, findet Hilde. Südafrika fehle ihnen auch noch, sagt Roswitha. Ja, findet Sigrid, im Frühjahr vom Tafelberg aus über Kapstadt schauen – warum nicht? Tatjana hat kürzlich irgendwo gelesen, dass da eine Seilbahn rauffährt, was ihnen sehr zupasskäme. Denn Hilde ist nicht mehr gut zu Fuß. Hinter ihrem Balkonsessel lehnt eine Krücke, auf Reisen sitzt sie im Rollstuhl.

DIE ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen, so ein reisendes Generationenhaus?

Sigrid Fischer: Die Initiative geht fast immer von Hilde aus. Ihr Alter hindert sie nicht daran, uns andere vor sich herzutreiben.

Tatjana Basting: Es kann passieren, dass ich einen Anruf bekomme: "Tati, wie lautet noch mal deine Passnummer? Ich buche uns gerade was Schönes." Sie ist aber nicht böse, wenn man ihr sagt: "So geht das nicht."

Roswitha Basting-Göttelmann: Die Hilde war auch nicht böse, als Tati ihr nach einer etwas mühsamen Kanarentour vor acht Jahren sagte: "Ich fahr nur noch mit der Oma weg, wenn die im Rollstuhl sitzt."

Hilde Dahn: Für mich ist das ja auch praktisch. Ich hätte mich nie getraut, euch darum zu bitten, mich durch die Gegend zu schieben.

Hildes Enkelin Tatjana zeigt auf ihrem Handy eine Fotografie aus dem vergangenen Herbst: Ein Brasilianer wuchtet die schwere alte Dame im Rollstuhl auf die Rolltreppe am Corcovado, die sie hinauf bis zur berühmten Jesusstatue Cristo Redentor oberhalb Rios führt.

Roswitha: Auf dem Schiff, mit dem wir unterwegs waren, waren sie skeptisch gewesen. "Mit der Hilde auf den Corcovado, das schafft ihr nie!" Aber wir hatten am Hafen einen Taxifahrer aufgetan, der meinte: "Kein Problem." Und tatsächlich, es gab überall Aufzüge. Nur an der letzten Steigung diese lange Rolltreppe. Da dachten wir: Jetzt ist Schluss. Aber dann kam ein netter Mann vom Service und hat uns geholfen. Wie die Hilde sich gefreut hat! Es war ihr drittes Mal dort oben.

ZEIT: Hatten Sie keine Angst, von diesem Ausflug enttäuscht zu sein? In der Erinnerung wird ja vieles spektakulärer, als es tatsächlich ist.

Hilde: Gar nicht, dazu freue ich mich zu sehr, wenn ich es ein zweites oder drittes Mal an einen Ort schaffe, der mir einmal so gut gefallen hat. Dass der Blick dann nicht mehr so frisch ist, geschenkt.

ZEIT: Fernreisen sind für Ihre Generation alles andere als selbstverständlich. Was hat Sie so weit getrieben?

Hilde: Ich bin unehelich geboren und bei meiner Großmutter auf dem Dorf aufgewachsen. Meine Mutter war Köchin im Wiesbadener Bahnhofsrestaurant. Wenn ich sie in den Ferien dort besucht habe, habe ich oft den Zügen nachgeschaut und gedacht: Wenn man da einsteigt, beginnt das Leben!

Tatjana: Die Oma war immer sehr neugierig. Sie hätte gerne studiert, Erdkunde und Geschichte waren in der Schule ihre Lieblingsfächer.

Hilde: Aber diese Chance habe ich nie bekommen, höhere Bildung war für mich nicht vorgesehen. Ich habe immerhin die Handelsschule besucht, dann sehr früh geheiratet und drei Töchter geboren.

Roswitha: Mit drei kleinen Mädchen zu Hause sitzen, das war nichts für Hilde.

Sigrid: Die hat immer was anderes gesucht. Eine Zeit lang hat sie in Waldagesheim, dem Dorf, aus dem wir kommen, eine Wäscherei betrieben. Als wir größer waren, ist sie in den Außendienst eines Waschmittelkonzerns getreten.

Hilde: Ich war eine dieser lauten Frauen, die vor den Kaufhäusern standen und ein neues Wundermittel anpriesen. Das hat mir große Freude bereitet, auch weil ich dabei viel herumfahren konnte. Später, als Kassenaufsicht bei Karstadt, habe ich nebenher das Reisebüro geführt.

Sigrid: Da saß sie dann an der Quelle.

Hilde: Ich hatte einen Kollegen, der war mal in Amerika, das fand ich sehr aufregend. Ich habe dann für meinen Mann und mich bei Neckermann eine Rundreise gefunden, mit dem Schiff über den Atlantik, dann von der Ostküste mit Bussen weiter bis an die Westküste und in den Süden von Arizona. Unsere erste Station war New York.

"Niemals diese organisierten Ausflüge machen"

Das rheinische Kleeblatt unterwegs: 2009 auf Mittelmeerkreuzfahrt © privat

ZEIT: Können Sie sich an Ihren ersten Eindruck erinnern?

Hilde: Wir waren in einem schönen Hotel direkt am Central Park untergebracht. Dort habe ich die erste Nacht am Fenster gestanden und raus- beziehungsweise runtergeguckt, wie damals am Wiesbadener Hauptbahnhof. Woher kamen all diese Menschen? Mussten die denn gar nicht ins Bett?

Sigrid: Erst Wochen später haben die Eltern zu Hause angerufen. Mein Vater sagte weltmännisch: "Hier ist der Jupp aus Arizona." Das blieb in der Familie lange ein geflügeltes Wort.

ZEIT: Litt Ihr Mann genauso unter Fernweh wie Sie?

Hilde: Er ist sporadisch mitgefahren. Er hat in seiner Freizeit in verschiedenen Tanzmusikkapellen gespielt, denen hat er sich immer verpflichtet gefühlt. Außerdem waren die Reisen ja teuer.

Tatjana: Ich würde sagen, der Opa hatte seine eigenen Sehnsüchte. Er war in der Kriegsmarine gewesen und wäre nach 1945 wohl gerne Seemann geblieben. Er gehörte zu den Ersten, die mit so einem alten Hurtigruten-Postschiff durch die Nordsee gefahren sind. Ende der Siebziger hat er Hilde und mich einmal mit nach Spitzbergen genommen.

Hilde: Da waren wir mit der Maxim Gorki unterwegs, auf einem dieser Vorzeigeschiffe, mit denen die Sowjets Devisen verdienten. Die Besatzung stammte aus der Ukraine, das weiß ich noch genau.

Tatjana: Irgendwo vor Spitzbergen sind wir in einen Orkan geraten, sieben Meter hohe Wellen. Alle haben sich panisch unter Deck verkrochen, nur Opa und ich waren draußen. Er hat mir gezeigt, was man machen muss, wenn die Welle kommt: Nicht wegrennen, sondern vorne unter dem Bug in Deckung gehen.

ZEIT: War Ihnen klar, wie exotisch das war? Die meisten Ihrer Klassenkameraden haben ihren Familienurlaub vermutlich an der Ostseeküste oder der Adria verbracht.

Tatjana: Ich wäre schon auch gerne mal in die Toskana gefahren. Aber so ein ganz normaler Familienurlaub war bei uns lange nicht drin. Meine Mutter war früh geschieden und hatte gut damit zu tun, meine Schwester und mich durchzubringen.

Roswitha: Anders als Hilde hat mir die große, weite Welt auch gar nicht gefehlt. Ich habe sogar damit kokettiert, dass ich mein Lebtag nicht in die Karibik kommen werde.

Hilde: 1987 musstest du dann. Mit mir!

Roswitha: Hilde hatte eine Reise für sich und unseren Vater gebucht. Der hatte es dann aber am Herzen und konnte nicht mit. Also bin ich eingesprungen. Anfangs zähneknirschend.

ZEIT: Tatsächlich?

Roswitha: Ich war damals Gewerkschafterin bei einer Einzelhandelskette und habe auf dem Schiff erst einmal weitergearbeitet und die Leute agitiert: "Was habt ihr hier für Arbeitszeiten, bekommt ihr genug Ausgleichsstunden? Gibt es einen Tarifvertrag?" Doch nach einer Woche war mir das alles egal. Ich saß mit der Hilde auf Deck und schaute aufs türkisblaue Meer und fühlte mich so frei wie nie zuvor. Wir waren sieben Wochen unterwegs. Nach unserer Rückkehr hatte ich das Gefühl, sieben Jahre weg gewesen zu sein.

ZEIT: Woran lag es? An der Karibik oder am Schiff?

Roswitha: An beidem, denke ich mal. Dieses Licht, die Farben machen was mit dir. Und dann treibt man so dahin, in einer eigenen Zeit, einem eigenen Rhythmus. Meine Schwester Sigrid hat es mir auch lange nicht geglaubt.

Sigrid: Mein Mann und ich waren die typischen Aktivurlauber. Trekking in Nepal, das war für uns das höchste der Gefühle. Vor meiner ersten Schiffsreise musste Hilde mich regelrecht breitschlagen. 2006 war das, unser Vater war gerade verstorben, und Hilde wollte unbedingt mal mit der Queen Mary nach New York. Aber alleine hat sie es sich nicht mehr zugetraut.

Roswitha: Die Queen Mary wollte ich mir natürlich auch nicht entgehen lassen! Meine Tochter ist Silvester 2007 dazugestoßen; seitdem reisen wir vier gemeinsam.

ZEIT: Wohin ging die Reise?

Tatjana: In die Karibik, zusammen mit Hunderten alten Leuten! Ich hatte schon Bedenken. Aber Hilde, Siggi und Mama hatten schon auf den vorigen Reisen eine ganz gute Routine gefunden: immer das späte Abendessen buchen, da trifft man keine deutschen Rentner – und niemals diese organisierten Ausflüge machen.

Sigrid: Da zahlt man viel Geld, um rein gar nichts zu erleben. Wir besorgen uns meistens am Hafen ein Taxi und schauen, wie weit wir kommen. Oft weiter, als man denkt.

"Wir sind ein eingespieltes Team"

Immer auf Achse © privat

ZEIT: Der Schriftsteller Martin Amanshauser sagt: "Reisen heißt versäumen." Um ein Land richtig kennenzulernen, solle man alle Sehenswürdigkeiten tunlichst ignorieren.

Hilde: Was ist das denn für ein Schnösel? Man reist doch, um all das in echt zu erleben, was man schon von Bildern kennt, all die berühmten Orte! Ich hatte die Oper von Sydney schon hundertmal im Fernsehen gesehen, doch als ich zum ersten Mal mit dem Schiff daran vorbeigeglitten bin, war das ein großer Moment. Und Sie werden es nicht glauben: Mich interessieren sogar Jahreszahlen und Höhenmeter.

Tatjana: Schon früher waren Hildes Urlaubskarten immer kleine Lexikoneinträge, mit Jahreszahlen und Höhenangaben und Einordnungen wie: "Kotor, der südlichste Fjord Europas." Oder: "An den Niagarafällen stürzen pro Sekunde 2.800 Kubikmeter Wasser in die Tiefe."

Sigrid: Hilde hat auf Reisen Bildung nachgeholt.

Hilde: Ich habe mir mein Stück vom Glück geholt.

Roswitha: Aber ich verstehe den Amanshauser schon. Wer sich nur die Highlights anschaut, verpasst ganz viel Wirklichkeit. Ägypten, damals den Ausflug zu den Pyramiden, fanden wir alle schlimm.

Tatjana: Auf der Fahrt von Alexandria bis Giseh haben wir gesehen, wie fertig dieses Land ist, überall Dreck und Armut, Tierkadaver schwammen in den Flüssen. Doch vor den Pyramiden war dann plötzlich heile Welt. Alles blitzsauber! Überall standen uniformierte Putzleute herum, die jedes Bonbonpapier, jede Zigarettenkippe aufgepickt haben. Da war so klar: Die spielen uns was vor!

Hilde: Ihr steht vor den ältesten erhaltenen Bauwerken der Welt und interessiert euch bloß für die Putzleute davor? Das hat mich damals schon geärgert.

Roswitha: Es geht nicht um den Müll, es geht um die Armut! Es war so klar, dass du als Tourist ein völlig anderes Ägypten siehst als die Ägypter.

ZEIT: Reisen sind gruppendynamische Herausforderungen. Wie halten Sie es so lange miteinander aus? In vielen Familien knallt es ja schon, wenn die verschiedenen Generationen mehr als zwei Tage lang zusammen sind.

Sigrid: Wir sind ein eingespieltes Team mit klarer Rollenverteilung: Tatjana ist die mit dem guten Orientierungssinn, ich bin die mit dem Reiseführer, und Roswitha ist die Optimistin. Die sagt noch in den aussichtslosesten Situationen: "Hey, das schaffen wir locker."

Gegen Mittag bittet Sigrid uns in den Garten, dort hat sie ein kleines kaltes Mittagessen gerichtet. Lachs, Käse, Oliven, Handkäs und Brezeln. Tatjana stützt Hilde auf dem Weg über die Treppe ins Untergeschoss. Roswitha holt eine kalte Flasche Sekt, füllt noch mal die Gläser. Auch daheim in Bingen sind die Rollen klar verteilt. Ist das schon der einzige Trick?

Roswitha: Dass wir keine Männer dabeihaben, macht bestimmt auch einiges einfacher. Es fühlt sich nicht gleich an wie Ehekrise, wenn wir mal ein paar Stunden nicht miteinander reden.

Tatjana: In dieser Familie macht man sich wenig Sorgen umeinander. Einmal haben wir die Hilde stundenlang auf Deck vergessen. Siggi war beim Tai-Chi, Mama und ich waren beim Sport gewesen, und irgendwann fiel uns ein: Mensch, die Hilde, die sitzt ja immer noch da oben.

ZEIT: Sie waren wirklich nicht sauer?

Hilde: Warum denn? Das hätte mir in jüngeren Jahren auch passieren können.

Roswitha: Es ist dir passiert, und nicht nur einmal. Die Geschichte, wie Hilde die Tati 1993 in Moskau verloren hat, ist in der Familie legendär.

Tatjana: Ich hatte zum Abitur von Hilde eine Reise mit der Transsib bekommen, von Moskau bis Chabarowsk. Am ersten Tag haben wir uns Moskau angeschaut. Ich war so fasziniert von der Wachablösung vor dem Lenin-Mausoleum, dass ich nicht mitbekommen habe, dass Hilde und der Rest der Gruppe schon weitergezogen waren. Im Kaufhaus Gum haben sie dann gemerkt, dass ich nicht mehr dabei bin.

Hilde: Was für eine Aufregung! In Russland! Und die fremde Schrift! Die Sprache! Ich hab nur gedacht, das Mädchen hat Abitur, die wird sich schon helfen. Und ich hatte natürlich recht! Als wir zurückkamen, war Tati schon im Hotel.

ZEIT: Vermissen Sie manchmal die abenteuerlichen Reisen jüngerer Jahre?

Hilde: Es gibt Orte, die ich vermisse. Als Anfang der neunziger Jahre die Brücke von Mostar zerstört wurde, habe ich weinend vor dem Fernseher gesessen. 1989 war ich erst dort gewesen, hatte auf das türkisfarbene Wasser der Neretva geschaut! Inzwischen ist die Brücke wieder aufgebaut. Aber das alte Jugoslawien ist verschwunden. Ich bin bei einer Mittelmeerkreuzfahrt noch mal in Dubrovnik gewesen. Es ist nicht mehr dasselbe. Und natürlich habe ich mich auch verändert. Jetzt bin ich eine dicke alte Frau mit chronischem Asthma – und sehr dankbar, dass Tati und die Töchter mich schieben.

Roswitha: Manchmal ist das ganz schön hart. Wisst ihr noch, Marseille? Wir wollten unbedingt rauf zur Kirche Notre-Dame de la Garde. Doch die Straßen waren zu steil, und Hilde war zu schwer.

Sigrid: Aber man muss schon sagen, dass die Vorteile des Rollstuhls die Nachteile überwiegen. Mit diesem Ding ist man privilegiert. Man muss nirgends in der Schlange stehen, oft nicht einmal Eintritt zahlen. Alle sind freundlich, man kommt gleich ins Gespräch.

Tatjana: Ich würde sogar sagen: Der Rollstuhl ist unser Talisman. Wir überlegen schon, wer von uns da reinmuss, wenn Hilde mal nicht mehr ist.