Pimp my Mitarbeiter

Wilko Steinhagen klatscht in die Hände und ruft: "Prüfungstag!" Er ist Dozent für Onlinemarketing an der Hamburger Handelskammer. Acht Frauen und einem Mann hat er 50 Stunden lang erklärt, wie sie und ihre Produkte im Internet Kunden besser erreichen. Sie wissen nun zum Beispiel, wie sie ihre Internetseiten weit oben bei Google platzieren oder wie Werbung bei Facebook funktioniert. Der Mann in Dr.-Martens-Schuhen und Jeans leitet hier nach Auskunft der Kammer einen der meistgebuchten Kurse. Seit 2012 hat er 30 Kurse zum Thema gegeben. In diesem Jahr ist noch ein zusätzliches dreiwöchiges Aufbauseminar hinzugekommen.

"Nach dem Rückgang im Zuge der Finanzkrise brummt der Markt für Weiterbildung wieder", sagt Peter Schettgen, Direktor des Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW) in Augsburg. Im ersten Halbjahr 2014 haben 54 Prozent der deutschen Unternehmen in Weiterbildung investiert – so viele wie nie zuvor. Das geht aus einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Demnach habe in diesem Zeitraum jeder dritte Beschäftigte an betrieblichen Weiterbildungen teilgenommen.

Die Digitalisierung heize den technischen Wandel derart an, dass Investitionen in die Mitarbeiter unerlässlich seien, sagt Peter Schettgen: "Um immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein, müssen Mitarbeiter ihr ganzes Leben lang lernen." Trends wie die sogenannte Industrie 4.0, in der Maschinen und Computer miteinander vernetzt werden, sorgen für grundlegende Veränderungen.

Im Kurs für Onlinemarketing in Hamburg wirft der Beamer eine Website in schrillen Farben an die Wand. "Was Sie da sehen, ist ein Armutszeugnis für die ganze Spritzgussmaschinenwelt", sagt Wilko Steinhagen. Die Projektion zeigt ein Forum, in dem sich Menschen über die Geräte austauschen können. Die Seite dient dem Dozenten als Exempel: dafür, wie einfach man bei Google weit vorne landen kann und wie verstaubt so manche gut geklickte deutsche Website ausschaut.

In Sachen Digitalisierung hinkt Deutschland im Ländervergleich schon in der Schulausbildung hinterher. Erst in der vergangenen Woche kochte die Diskussion darüber wieder hoch, als die internationalen Pisa-Zahlen zur Computernutzung an Schulen veröffentlicht wurden.

Also bezahlen die Unternehmen ihren Mitarbeitern Weiterbildungen. Fragt man die Betriebe nach ihren Motiven, sagen 83 Prozent, dass sie die Leistungsfähigkeit und Produktivität der Mitarbeiter steigern wollen, etwa drei Viertel wollen deren Innovationsfähigkeit fördern. Und 65 Prozent geben an, dass der technologische Wandel diese Investitionen erfordert. Das geht aus der Weiterbildungserhebung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hervor.

Das Engagement der Unternehmen ist teuer. Allein im Jahr 2013 investierten sie 33,5 Milliarden Euro. Pro Mitarbeiter macht das 1.132 Euro jährlich. Das sei so viel wie nie, sagt das IW. Doch dieser Durchschnittswert täuscht: Es sind wenige, die mit großem Engagement gefördert werden. Denn wie viel Geld ein Unternehmen in einen Beschäftigten steckt, hängt davon ab, wie der jeweilige Mitarbeiter qualifiziert ist und wie groß das Unternehmen ist, bei dem er arbeitet.

Für Führungskräfte und Vertriebler geben die Firmen am meisten Geld aus. Das sei nicht verwunderlich: "Diese beiden Gruppen sind eben essenziell für den Erfolg eines Unternehmens", sagt Peter Schettgen. Je niedriger die Qualifikation eines Mitarbeiters, desto geringer die Beteiligung an Weiterbildungen. Nur 16 Prozent der Beschäftigten mit einfachen Tätigkeiten haben laut IAB in den ersten sechs Monaten des Jahres 2014 an Weiterbildungen teilgenommen. Bei den Hochqualifizierten sind es 41 Prozent.

Manch ein Konzern betreibt sogar eine eigene Akademie

Weiterhin unterscheidet sich die Teilnahme an Lehrgängen und Kursen von Region zu Region. Wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, nehmen Beschäftigte in der Region Würzburg dreimal so oft an Weiterbildungen teil wie im Emsland. Je stärker die Wirtschaft vor Ort, desto eher investieren die Firmen in Weiterbildung .

Je nach Konjunkturlage investieren Firmen mehr oder weniger

Natürlich ist die Förderung auch eine Frage der Ressourcen. In Firmen mit über 250 Mitarbeitern bekamen 97 Prozent der Beschäftigten eine Weiterbildung, in Firmen mit bis zu neun Mitarbeitern aber nur 44 Prozent. Holger Höhr, Geschäftsführer der Stabsstelle Bildungs-Service der Hamburger Handelskammer, kennt den Grund: "Einem kleinen Unternehmen tut es natürlich viel mehr weh, einen Mitarbeiter einmal zu entbehren und auch noch Geld für den Unterricht zu zahlen."

Dax-Konzerne wie BASF, Bayer oder die Deutsche Telekom leisten sich hingegen gleich firmeneigene Akademien. Dort lernen die Mitarbeiter zum Beispiel die Software SAP zu bedienen, Projekte effizient zu managen, oder sie können ihre Englischkenntnisse aufbessern. Die Deutsche Telekom etwa gab im vergangenen Jahr 150 Millionen Euro für die zusätzliche Qualifikation ihrer Mitarbeiter aus. Bei BASF waren es 101 Millionen Euro.

"Für kleine Firmen mit ihren finanziellen Mitteln ist die systematische Personalentwicklung ungleich schwerer umzusetzen", sagt Peter Schettgen. Doch auch diese haben den Bedarf erkannt. "Gerade auf dem flachen Land, wo die Firmen bestimmte Fachkräfte schwerlich finden, können Weiterbildungen einen Arbeitgeber für Jobsuchende attraktiver machen", sagt Höhr von der Handelskammer. 42 Prozent der vom IAB befragten Betriebe wollen mit Lehrgängen und Kursen attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen.

Um ihre Mitarbeiter schon frühzeitig an sich zu binden, investieren viele Arbeitgeber zusätzlich in berufsbegleitende Bachelor- oder Masterstudiengänge wie einen MBA. Im Jahr 2012 wurde das Studium mit insgesamt 326 Millionen Euro gefördert, wie eine empirische Untersuchung des Stifterverbandes aus dem Jahr 2013 zeigt. Das Engagement der Unternehmen ist aber unterschiedlich: Einige Firmen stellen ihre Beschäftigten frei, andere garantieren ihnen, dass sie ihren Arbeitsplatz nach dem Studium zurückbekommen, andere übernehmen die Kosten teilweise, andere sogar gänzlich. Die Betriebe, die ihre Mitarbeiter freistellen und alle Kosten tragen, sind aber rar: Nur 6,4 Prozent der Unternehmen unterstützen in dieser Form den Masterabschluss ihrer Mitarbeiter, so die Ergebnisse des IW-Personalpanels von 2014.

Wessen Chef die Initiative nicht von selbst ergreift, dem rät Peter Schettgen, selbst aktiv zu werden. So wie die Grafikerin Anne Hansen im Kurs der Handelskammer in Hamburg. Sie arbeitet in Busdorf in Schleswig-Holstein in einem 30-Mann-Unternehmen. "Ich habe den Bedarf gesehen, dass sich in unserer Firma jemand mit dem Onlinemarketing auskennt", sagt sie. Ihr Chef Richard Westerkamp, Geschäftsführer des Unternehmens Leab Automotive, war begeistert und hat den Kurs direkt für sich mitgebucht. Der Weiterbildungsbonus, mit dem einige Bundesländer das lebenslange Lernen fördern möchten, war für Westerkamp noch ein zusätzlicher Anreiz: 50 Prozent der Kosten wurden übernommen.

Dass die Unternehmen ihre Investitionen in Weiterbildung kontinuierlich steigern, bezweifelt Peter Schettgen trotz der positiven Zahlen: Je nach Konjunkturlage würden die Firmen mehr oder weniger investieren. Das bedeutet immerhin auch: Der Wirtschaft scheint es so gut wie noch nie zu gehen.