Wie sieht Schweigen aus? Wie sonnendurchtränkte Palmengärten, grüne, hügelige Dschungellandschaften, die, wunderschön gefilmt, langsam auf der Leinwand vorbeiziehen, wie Kinder, die mit ungeschlüpften Schmetterlingslarven spielen, zitternden Nüssen, die über spiegelblanke Böden hüpfen. Schweigen ist unter Palmen ins Leere starren, 50 Jahre nachdem der eigene Sohn mit aufgeschlitztem Bauch durch die Reisfelder nach Hause gekrochen kam, um dann von den Männern abgeholt zu werden, die behaupteten, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Schweigen ist, ein dementer, ausgemergelter Mann zu sein, der nicht mehr weiß, wie alt er ist, über 100 oder erst 16, und sich nicht mehr an seinen Sohn erinnern kann.

Erinnert ihr euch? Das ist die zentrale Frage in Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm The Look of Silence über die fehlende Aufarbeitung der indonesischen Massaker der sechziger Jahre. Erinnert ihr euch, dass bis zu zwei Millionen Indonesier mit Macheten zerhackt, mit Drähten erwürgt, mit Spießen gepfählt wurden? Erinnert ihr euch, wie ihr es getan habt?

Der Film folgt Adi, einem Optiker, der in der indonesischen Provinz Aceh lebt. Er blödelt mit seiner Tochter rum, sie sehen glücklich aus. Oft besucht er seine Mutter, eine resolute alte Dame, die zärtlich seinen Vater pflegt. "Wie alt ist er eigentlich?", fragt Adi einmal. "Mindestens über 100", schnaubt seine Mutter. Der Vater selbst weiß es nicht mehr, er ist schwer dement. Die Mutter erzählt von Adis Bruder Ramli. Ramli starb 1965, zwei Jahre vor Adis Geburt, er wurde von paramilitärischen Gruppen entführt, die ihn zusammen mit Hunderten anderen ermorden wollten. Halb tot konnte er fliehen, aber sie holten ihn wieder ab. Die Leichen wurden in den Fluss gekippt, jahrelang aß keiner mehr Fisch in der Gegend, denn alle wussten vom Massaker.

1965 kam es in Indonesien zu einem Putschversuch angeblicher kommunistischer Offiziere. General Suharto nahm das zum Anlass, seinerseits die linksnationalistische Regierung von Präsident Sukarno wegzuputschen, um die Nation zu retten, wie Suharto versicherte. Zu nationalistischer Wut aufgepeitscht, so die offizielle Linie, seien die heroischen Bürger zur Verteidigung des Heimatlandes geschritten und hätten die Kommunisten bekämpft, ganz ohne Zutun der Regierung. Im Blutrausch ermordeten sie Hunderttausende, Schätzungen reichen bis zu zwei Millionen Todesopfern, vor allem Kommunisten, aber auch ethnische Chinesen. Bis zu einer halben Million Menschen verschwanden in einer Art tropischem Gulag. Danach legte sich 30 Jahre lang die grausame und lähmende Militärdiktatur von General Suharto über das riesige Land aus 17.000 Inseln mit 220 Millionen Einwohnern. Heute weiß man, dass die Massaker zentral angeordnet wurden. Viele der Anführer besetzten bald Chefposten, die sie heute noch innehaben.