Diese Straße ist so eng und verkehrsberuhigt, dass jedes Motorengeräusch hier den Frieden stören müsste. Und doch rollt der Wagen hinter mir bis auf zwei Meter heran, dann erst bemerke ich ihn. Kein Hupen ist zu hören, obwohl ich am Straßenrand spaziere, und vor allem: kein brummender Motor. Beim ersten Mal ist das ein bisschen unheimlich. Gerade weil man das Auto gar nicht hört.

Die schmale Straße im Stadtteil Komaba am Westrand der Tokioter City ist einige Gehminuten entfernt von der am stärksten frequentierten Kreuzung der Welt. Sie führt durch eine Wohngegend. Japanische Manieren gebieten, dass man, wo immer möglich, den Geräuschpegel niedrig hält. Das beherzigen selbst die Autos.

Wer nie in Tokio war, vermutet eine schrille, laute, überfüllte Stadt. Umso erstaunlicher ist die Ruhe, die hier herrscht. Von 2003 an wurden Dieselmotoren verboten, fast alle Taxis und viele Privatwagen fahren heute mit Hybridantrieb. Das Tempolimit liegt bei 40 Stundenkilometern, und weil bei Unfällen meist der Stärkere Schuld hat, bremsen Autofahrer schon bei kleinen Hindernissen früh.

Pro Jahr zählt der Großraum Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern kaum 200 Verkehrstote. Das ist ein Sechstel des Wertes von 1960. Mittlerweile fragen Tokioter, ehe sie in ausländische Städte reisen: "Sind die Straßen dort sicher?" Im Vergleich mit Tokio muss die Antwort dann fast immer lauten: "Nein."