DIE ZEIT: In Wien fiel Teilen der SPÖ das erste rot-grüne Koalitionsbündnis des Landes nicht ganz leicht. Herr Schicker, Sie sind Klubobmann der Sozialdemokraten im Rathaus, wie fällt Ihre Bilanz nach fünf Jahren aus?

Rudolf Schicker: Mit der Volkspartei wäre damals keine Koalition möglich gewesen. Wir haben 14 Tage mit den Grünen verhandelt ...

ZEIT: Was recht kurz ist.

Schicker: Ja, wir haben das effizient abgewickelt. Im Großen und Ganzen war dann die Zusammenarbeit konstruktiv.

ZEIT: Herr Ellensohn, als Klubobmann der Grünen im Rathaus, würden Sie die Zusammenarbeit mit der SPÖ auch konstruktiv nennen?

David Ellensohn: Wir haben immer versucht, uns vom Stil her wesentlich von der rot-schwarzen Bundesregierung zu unterscheiden. Wir haben uns aber immer bemüht, gemeinsame Lösungen zu finden. Die sind dann einmal näher bei der SPÖ gelegen und dann wieder näher bei uns. Eine Zeit lang hieß es ja sogar, wir seien allzu sehr befreundet.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Wer hat je diesen Eindruck gehabt?

Ellensohn: Lösungen auf kommunaler Ebene sind größtenteils Sachentscheidungen. Da darf man nicht jedes Mal einen Streit anzetteln. Und wo es Widerstände gab, haben wir stets darauf geachtet, dass nicht eine Partei alleine den Widerstand ertragen muss. Diese Koalition war für die Wiener Grünen ein kompletter Kulturbruch. Aber es hat überraschend gut geklappt.

ZEIT: Also für beide Seiten ein Erfolgsmodell?

Schicker: Der experimentelle Charakter lag bei den Grünen. Für uns war dieses Bündnis insofern Neuland, als wir mit einer Partei zusammenarbeiten mussten, die sich nicht als breite Volkspartei versteht, sondern sehr prononcierte Ziele verfolgt, während die Sozialdemokratie schon schauen muss, möglichst viele Gruppen zu integrieren. Wenn es Kritik gab, dann dort, wo die Kultur der Grünen und jene der Sozialdemokratie unterschiedlich sind.

ZEIT: Das ist doch fast überall der Fall. Erster Stolperstein war der Konflikt um die Parkraumbewirtschaftung.

Ellensohn: Das sieht jetzt so aus, als wäre das eine grüne Erfindung gewesen. Parkraumbewirtschaftung gibt es seit Langem.

Schicker:Die Grünen haben ursprünglich eine Citymaut gefordert. In den Koalitionsverhandlungen haben wir uns dann auf die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung geeinigt.

ZEIT: Eine Schönwetterkoalition war das sicherlich nicht. Als Beobachter konnte man zumindest in der ersten Hälfte den Eindruck gewinnen, die SPÖ würde nur darauf warten, dass die Grünen ins Schleudern geraten.

Schicker: Die Stimmung in der Sozialdemokratie war von Anfang an für diese Koalition sehr wohlwollend. Es gab allerdings Erfahrungen, die zeigten, wie schwer es ist, neu in eine Regierung einzusteigen. Das hat manche bei uns aufgeregt, die mit Professionalität gerechnet hatten, die man aber zwangsläufig in einem so großen Ressort nicht von Anfang an haben kann.

Ellensohn: Aus der Weite sah die SPÖ für uns immer wie eine einheitliche Mauer aus. Wenn man dann aber näher kommt, merkt man, dass es Bezirke gibt, die sich bei der Zusammenarbeit mit den Grünen leichter tun und solche, die wahrscheinlich eine Koalition mit der ÖVP bevorzugt hätten und die wir erst begeistern mussten. Das war zumindest der Versuch.

ZEIT: Und: Geschafft?

Ellensohn: Nicht überall und immer.