Mein Leben ist um einiges leichter geworden, seitdem ich Sprachunterricht nehme. Zuvor hatte ich meinen Alltag hauptsächlich mit Zeichensprache bewältigt. Um beim Vokabellernen den deutschen Wörtern die richtigen Artikel zuzuordnen, habe ich eine ausgezeichnete Methode entwickelt: Ich habe Zettel an meine Zimmerwand gehängt, auf die ich eine Pizza mit Brüsten oder einen Tisch mit Schnurrbart gemalt habe.

Überhaupt bin ich der Auffassung, dass die Lehrbücher eine Überarbeitung benötigen, es fehlt speziell für die Neuankömmlinge ein Kapitel über den Umgang mit Dealern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

In den Tagen nach meiner Ankunft geriet ich in Panik, als ein Dealer mir seine Ware anbot. Ich dachte, die hier einzig verbreitete Droge sei Vitamin D, weil außergewöhnlich viele Deutsche an sonnigen Tagen mit einem unheimlichen Aktivismus unterwegs sind. Drogenhandel finde in der Unterwelt statt, glaubte ich. So war ich nicht darauf vorbereitet, dass mir jemand auf offener Straße Drogen anbot. Wie sollte ich mich verhalten? Schreien und wegrennen? Freunde rieten mir, locker zu bleiben, die Fragen des Dealers bloß mit Ja oder Nein zu beantworten und seinen Gruß zu erwidern.

In meinem Hippieviertel beobachtete ich die Versuche meines drogenkonsumierenden Nachbarn, Deutsch zu lernen. Er erinnerte mich an Geschichten, wie sie in Gesellschaftsmagazinen stehen, "Versuch eines Selbstporträts unter Einfluss fünf verschiedener Drogen". Ähnlich verfuhr mein Nachbar mit dem Erwerb der deutschen Sprache. Durch ihn lernte ich neue Laute kennen. Mal klang es wie gebrochenes Jiddisch, mal wie eine Neufassung von Esperanto. Und dann gab es noch diese einzigartige Sprache, eine Mischung aus Klicklauten und desolatem Englisch. Der Flamencolehrer in der Wohnung nebenan fand so viel Gefallen an diesen Sprachübungen, dass er sie als Rhythmus für seine Tanzstunden nutzte.

Ich hingegen fertigte unter dem Einfluss der nachbarlichen Laute besagte Zettel an, mit denen ich das Genus übe. Ich warte außerdem darauf, dass die Zeichnungen als bahnbrechende neue Kunstrichtung der Gegenwart entdeckt werden.

Aus dem Arabischen von Mustafa Al-Slaiman