In Fische sich einzufühlen ist schwierig, jedenfalls schwieriger als in die von warmem Blut durchpulsten Säugetiere. Das Band der Lebewesen (frei nach Schiller), die sich gegenseitig Empathie vorgaukeln können, endet vermutlich kurz vor oder hinter der Maus. Obwohl, wenngleich – Mäuse unwahrscheinlich rührend sind, mit ihren menschennahen Fäustchen, die sich um ein Weizenkorn ballen, und auch das seelenvolle Auge einer Kröte manchen schon betört hat. Meine Mutter hat über Jahre einer Kröte im Garten des Abends ein Schälchen Milch hingestellt und sie gerufen. Die Kröte kam und trank, wogegen gewiss einige Leser aus medizinischen Gründen rückwirkend protestieren werden. Indes war meine Mutter keine Tierschützerin, sie liebte die Tiere nur und wurde von ihnen geliebt, jedenfalls von der Kröte, soweit man das aus ihrem Blick schließen konnte.

Aber könnte man sich vorstellen, einem Fisch ein Schälchen Milch hinzustellen beziehungsweise ins Aquarium zu kippen? Damit sich über die Jahre ein Band knüpfte? Andererseits hat die emotionale Ferne der Fische den Vorteil, dass sie auch abwegigsten Projektionen keinen Widerstand entgegensetzen. Ein begeisterter Aquarianer kann ohne Weiteres von seinen Guppys behaupten, sie seien ruppig, und von seinen Zackenbarschen, sie seien zackig. Seine Schützlinge werden ihn nicht widerlegen, ganz im Gegensatz zu einem Hund beispielsweise, den man vielleicht als furchterregend einschätzen wollte, der zu unserem Erschrecken sogar hochspringt, dann aber nur zärtlich uns sabbernd am Ohr knabbert.

Der Fisch dagegen sabbert nicht, er springt uns auch nicht an, noch knabbert er an unseren Ohren (es sei denn, wir wären bereits tot und ertrunken). Und doch haben Angler, die sich auf die großen, seltenen, schwer zu ködernden Raubfische kapriziert haben, diesen schon die seltsamsten, erstaunlichen und verstörenden Charaktereigenschaften angedichtet. Verschlagen, hinterhältig, störrisch und kapriziös werden die Burschen genannt. Aber mit letzter Sicherheit treffen solche Zuschreibungen nur auf die Angler selbst zu.

Der im deutschen Raum bei Weitem meistbedichtete und -verdächtigte Fisch ist fraglos der Huchen, weil er so selten ist (nur noch in Donau und Donaunebenflüssen), so groß (anderthalb Meter und mehr), so schwer (bis über dreißig Kilo hinaus) und so bissig (mit Appetit auf badende Hunde). Der Huchen ist Fisch des Jahres 2015, und das ist gut so, denn 2016 gibt es vielleicht schon keinen mehr. Wie viele seiner Art noch 1936 existierten, wäre interessant zu wissen, denn in diesem Jahr erschien der erstaunlichste Fischheldenroman aller Zeiten: Räuber Hucho, Roman eines Raubfischs von Heinz von der Achen. Darin ist zu lesen: wie Hucho aufwächst, wie er zu kämpfen hat, wie er stark und stärker, schließlich alt und älter wird, wie er sich fühlt und was ihn umtreibt. Als Kind habe ich das Buch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen, während meine Mutter zur selben Zeit Aug in Aug mit einer Kröte auf der Veranda den Seelenaustausch suchte.

Von heute aus würde ich sagen: Der Räuber Hucho war ein deutschnationaler Expansionsroman, der von der Eroberung des Donauraums handelte, und der Fisch ein Nachfahr der Nibelungen, die bei ihrem Zug stromabwärts das blutige Ende ihres Größenwahns erlebten – genau so, wie es dann bekanntlich im 20. Jahrhundert auch gekommen ist. Man lernt daraus, dass die Einfühlung in einen Fisch vielleicht psychologisch scheitern muss, aber allegorisch befriedigend sein kann.

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