Es war einmal ein Mann, der mehr arbeitete, als er lebte. Den Kunden, die zu ihm in den Laden kamen, sagte er: "Eigentlich bin ich 38, aber mein Körper schafft schon seit 45 Jahren." Die Kunden schauten dann etwas irritiert, doch der Mann sah sehr zufrieden dabei aus.

Der Mann, um den es hier geht, heißt Tamim Azimi, er ist gebürtiger Afghane, seit 1996 lebt er in Deutschland, inzwischen hat er einen deutschen Pass und drei Fahrradläden, zwei in Hamburg, einen im niederländischen Utrecht. Die Geschichte von Azimi ist die Geschichte eines Vorzeigeflüchtlings, der bis zum Umfallen arbeitet und immer wieder aufsteht, der es geschafft hat.

"Wenn du als Flüchtling nach Deutschland kommst, musst du mehr arbeiten als der Durchschnitt", sagt Azimi. "Wer nachts zehn Stunden schlafen will, schafft es nicht."

Azimi schläft kaum. Er sagt, dass er schon als Kind beschlossen habe, nie mehr als sechs Stunden die Augen zuzumachen. Weil er mehr vom Leben haben wollte. Als er acht Jahre alt wurde, ließ seine Mutter deshalb "6 s" auf die Torte schreiben, s steht für saat, Stunde. Seitdem schläft Azimi vier, manchmal fünf Stunden. Bevor er seine eigenen Läden eröffnete, hatte er immer mehrere Jobs gleichzeitig, tagsüber schraubte er an Fahrrädern, nachts fuhr er Taxi oder lieferte Pizzen aus. In dieser Zeit blieb er nur drei Stunden im Bett liegen.

So wie er die Fahrräder am Laufen hält, indem er Einzelteile austauscht und die Ketten ölt, so hält er auch seinen Körper am Laufen. Mit 17 brach eine Bandscheibe, mit 25 hatte er einen Herzinfarkt, mit 28 einen Schlaganfall. Er arbeitet trotzdem weiter: mit Titanschrauben im Rücken, die seine Wirbelsäule zusammenhalten, jahrelang nahm er Medikamente. Tamim Azimi ist eine Arbeitsmaschine in Jeans und schwarzen Turnschuhen. Er ist deutscher als die deutsche Tugend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Azimi wuchs in Kabul auf, er war sechs, als die erste Rakete neben ihm einschlug. Menschliche Körperteile landeten zwischen seinen Glasmurmeln auf der staubigen Erde, "an diesem Tag starb die Furcht", sagt er. Auch die vor unternehmerischem Scheitern und Schulden.

Als er seinen ersten Laden 2005 am Hamburger Grindelberg eröffnete, stellte er sich auf den Bürgersteig und bot den vorbeikommenden Radfahrern eine kostenlose Inspektion an – 150 von 151 zahlten anschließend dafür. Und weil er anfangs außer zwei Reifen keine Waren hatte, bot er sein eigenes Fahrrad im Schaufenster an, für das er zuvor zwei Monate gespart hatte.

Die meiste Zeit seines Lebens verbringt Azimi in seinem Laden am Grindelberg – zwischen Slogans wie "German Innovation", "Security Tech Germany" und "Made in Germany". Nichts in seinem Laden erinnert an Afghanistan, nichts hat er von dort hierher mitgebracht. Das Nazar-Amulett gegen den bösen Blick, das hinter der Theke hängt, ist das Geschenk eines türkischen Freundes. "Ich möchte nichts aus Afghanistan bekommen, ich gebe nur", sagt Azimi.

Abends, wenn er das Rollgitter vor seinem Laden heruntergelassen hat, beginnt die Zeit des Gebens: Azimi kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge, die aus Afghanistan in Hamburg gestrandet sind, er will, dass sie bleiben können, so wie er damals.

Wenn er später den Anruf bekommt, dass sich seine Arbeit gelohnt hat, geht er in seinem Laden die schmale Treppe zum Keller hinunter und legt sich auf die schwarze Ledercouch. Dort, im schummrigen Licht, zwischen Fahrradreifen und einem Computer, raucht er drei Zigaretten am Stück. Drei Zigarettenlängen, in denen er entspannen kann.

Tamim Azimi, 38, floh als Jugendlicher aus Afghanistan. Im Jahr 2010 bekam er einen deutschen Pass