Einundneunzig Tage lang war er unterwegs, in schaukelnden Minibussen, zu Fuß, auf Lkw-Ladeflächen, seine Reise ging über Asphalt und rote Sandwege, in die der Regen tiefe Furchen gegraben hatte. Er überquerte drei Ländergrenzen und durchquerte eine Wüste, er stieg in ein Boot und strandete in Europa, Spanien, Italien, der Schweiz, zuletzt Berlin.

Drei Monate lang war er, der hier Bakari genannt werden will, aber nicht so heißt, unterwegs, mehrere Tausend Kilometer hat er zurückgelegt, um heute, zwölf Jahre später, an einem Seiteneingang zum Görlitzer Park in Berlin zu stehen – und zu warten. Jeden Tag. Jederzeit. Fast immer. Immer noch. "Ich warte auf das Glück", sagt er.

Es ist Sonntag, kurz vor Herbstanfang, vor der türkischen Küste hat eine Fähre gerade ein Schlauchboot gerammt, mehr als zehn Flüchtlinge sind ertrunken. Bakari steht seit neun Uhr morgens hier, die Hände in den Taschen, die Hose Baggy-Style, Turnschuhe, eine dunkelblaue Jacke mit Stehkragen. Das Glück, auf das Bakari wartet, kommt in Gestalt von Touristen, Amerikanern, Latinos, Engländern, dem ganzen Easy Jetset, Leuten, die mal Lust haben, einen Joint zu rauchen, und solchen, die keine Lust mehr spüren, weil sie süchtig sind. Sie alle bringen Bakari ein bisschen Glück, Geldscheine, um genau zu sein, dafür gibt er ihnen Gras. Bakari ist Drogendealer. Das Glück, mit dem er handelt, ist ein schmutziges Glück.

In den letzten Jahren ist der Park zum "Labor der Nation" geworden

Der Görlitzer Park liegt mitten in Berlin, und egal, welcher Monat gerade ist, der Rasen sieht immer mitgenommen aus. Über die Gehwege joggt ergonomisch geformtes Polyamid-Elasthan-Gemisch, schieben Kreuzberger Eltern Vintage-Kinderwagen, ziehen Hunde ihre Herrchen. Im Sommer steigen dichte Grillrauchwolken auf, es gibt einen Fußballplatz und einen Kinderbauernhof. Lange Zeit war dieser Park einfach nur ein Park. Dann, vor 15 Jahren, sollen die ersten Dealer gekommen sein, aus Algerien und Marokko, dem Senegal, Nigeria, Gambia. Inzwischen sind es an manchen Tagen an die hundert.

"Problempark", ein "Sumpf", der trockengelegt werden müsse, das sagen die einen Politiker, andere nennen ihn das "Labor der Nation". Die Eingänge zum Park sind klar aufgeteilt, Westafrikaner, Nordafrikaner, Araber. Sie lehnen an Baumstämmen oder sitzen auf Parkbänken, sie fragen "You wanna smoke?" und zischen "tststs".

Bakari kommt aus Gambia, dem kleinsten Land auf dem afrikanischen Festland, von oben sieht es aus wie der Wurmfortsatz eines Blinddarms. Bürgerkriege, wie es sie in einigen anderen afrikanischen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten gab, hat Gambia nicht erlebt. Gewalt gibt es trotzdem. In Gefängnissen soll gefoltert werden, die Todesstrafe wird angewandt, wer öffentlich die Regierung kritisiert, begibt sich in Gefahr. Die Organisation Reporter ohne Grenzen beschreibt die Pressefreiheit im Land als "schwierig", die nächste Stufe wäre "sehr ernst", danach kommt nichts mehr. Im Korruptionsindex rangiert Gambia auf Platz 127 von 175 – es geht also noch schlimmer, aber vor allem geht es besser.

Das Deutschland, in dem Bakari nun lebt, ist 14 Hektar groß und größtenteils von einer Backsteinmauer eingefasst. Für einen Mann wie Bakari ist es nicht schwer, im Görlitzer Park zu landen. Jeder, der in Deutschland ankommt, hat irgendeine Nummer von irgendeinem Freund oder irgendeinem Verwandten. Man ruft an, man trifft sich, und schnell heißt es: Komm doch mit in den Görli, da kannst du ein bisschen Geld verdienen. Während der ersten Wochen schlief Bakari sogar im Park, auf einem der ausgewiesenen Grillplätze. Inzwischen ist er bei einem Freund untergekommen.