Mitten in der Passauer Altstadt liegt die Justizvollzugsanstalt, eine Festung aus dicken Mauern, im 17. Jahrhundert als Reitstall erbaut, heute ein Gefängnis. Es ist ein Mittwoch im September, 14 Uhr, als zwei Polizisten einen hageren Mann in den Besucherraum führen: Ahmed Alaya*, 41 Jahre alt, tiefe Augenringe, schwarzgraue Locken. Er ist einer von 75 Häftlingen, die hier einsitzen. Seit jeden Tag Hunderte von Flüchtlingen Deutschland erreichen, kommt die Polizei kaum mit der Festnahme illegaler Schlepper hinterher. Die JVA Passau ist, wie so viele Gefängnisse in Bayern, übervoll.

Zögerlich reicht Alaya seine Hand zur Begrüßung. Dass ein Schleuser mit der Presse spricht, ist eine Ausnahme. Er will seine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die außergewöhnlich ist und nicht zu dem Bild passt, das die Medien zuletzt von Schleppern gezeichnet haben. Die kursiven Passagen dieses Textes sind ein Protokoll seiner Sätze, an einigen Stellen geschliffen, weil Alayas Deutsch noch holpert. Es sind die Aussagen eines Schleusers, nicht alles davon lässt sich zweifelsfrei überprüfen.

Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich habe, um es wie ein Deutscher zu sagen: Scheiße gebaut. Ich liebe dieses Land für all seine Gesetze – und trotzdem habe ich gegen sie verstoßen. Ich will kein Mitleid dafür, ich will nur erklären, wieso ich, Ahmed Alaya, in der JVA Passau sitze, obwohl ich kein böser Mensch bin. Wie ich helfen wollte und dabei nur Schaden angerichtet habe.

Vor vier Jahren, als der Krieg in Syrien begann, bin ich geflohen. Ich habe meine Frau und meine vier Kinder zurückgelassen. Mein Ältester ist 13 Jahre alt, meine Jüngste ist vier. Die Kleine habe ich noch nie gesehen, sie war noch im Bauch meiner Frau, als ich meine Heimat verließ. Ich sollte vorgehen, Geld verdienen und dann die Familie nachholen. Das war unser Plan.

Vor Gericht wird Alaya von einem Pflichtverteidiger vertreten, Bruno Fuhs. Dessen Mandanten sind normalerweise Dealer und Diebe, aber seit ein paar Monaten kümmert sich Fuhs fast nur noch um Schleuser, jeden Tag bekommt er neue Mandanten. Allein an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau wurden in diesem Jahr mehr als 1000 Schleuser festgenommen. Die meisten von ihnen sind Ungarn, Rumänen und Bulgaren. Sein syrischer Mandant Alaya, sagt Verteidiger Fuhs, sei kein gewöhnlicher Schleuser, sondern ein Einzelfall.

Meine Flucht aus Syrien brachte mich über die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich nach Deutschland. Hier habe ich Asyl beantragt und einen Deutschkurs an der Volkshochschule besucht. Der Kurs wurde auf Englisch gegeben, dabei spreche ich kein Wort Englisch. Heute ist mein Deutsch ganz okay, aber mir fehlen oft Wörter, und ich habe einen starken Akzent. Richtig stolz war ich, als ich den Führerscheintest bestanden habe. Ich hatte solche Angst vor der Theorieprüfung, 933 verschiedene Fragen auf Bürokratendeutsch!

Wenn ich spreche, hört man sofort, dass ich Ausländer bin. Das macht es schwer, Arbeit zu finden. Die Leute denken, du bist dumm. Ich hatte zwar Jobs, aber sie waren immer begrenzt auf ein paar Monate. Ich habe Abzugshauben in Restaurants geputzt, Gärten gepflegt und Autos repariert, am Ende des Monats kam ich auf 1300 Euro, manchmal 1500. Die Hälfte habe ich per Western Union nach Syrien geschickt, zu meiner Familie, 30 Leute wurden davon ernährt.

"In der Regel sind die Schleuser arme Schweine", sagt der Verteidiger Fuhs. "Arbeitslose, Obdachlose, Verschuldete oder Drogenabhängige, die schnelles Geld verdienen wollen." Menschen, die ihr Leben nicht im Griff haben – und sich in die Hände einer Schleusermafia begeben. In kriminelle Netzwerke wie im Drogenhandel. Die Hintermänner vermutet man vor allem in der Türkei. Auch deshalb wollen so viele Schleuser nicht offen sprechen: weil ihnen gedroht wurde, dass sie mit jeder Aussage sich selbst und ihre Familien in Gefahr bringen.

In meiner Heimat habe ich als Installateur gearbeitet, mich um Wasser- und Gasanschlüsse gekümmert. Meine Familie und ich konnten gut leben, aber seit der Krieg ausgebrochen ist, sind fast alle Syrer arm. Lebensmittel und Benzin sind teuer geworden, teurer als in Deutschland, und es gibt keine Arbeit. Wir mussten fliehen. Aber wie sollten wir eine Flucht bezahlen? 40.000 Euro nehmen Schleuser, um eine Familie nach Deutschland zu bringen.

Ich musste mich also allein durchschlagen. Angekommen in Deutschland, wurde mir Asyl gewährt, und ich arbeitete und arbeitete – aber wenn ich die Miete für mein Zimmer bezahlt und meiner Familie Geld für das Nötigste überwiesen hatte, blieb kaum Geld übrig. Ein Jahr verging, dann noch eins und noch eins – und ich war ratlos und frustriert.