Eine fremde Sprache

Das Einzige, was ich am Anfang auf Deutsch sagen konnte, war: "Ich nicht deutsch" und "Guten Tag". Nach zweieinhalb Monaten konnte ich endlich in die Schule gehen. Nach dem Unterricht musste ich mit anderen Kindern aus dem Ausland Deutsch lernen. Über einen Kopfhörer habe ich mir Wörter angehört. "Klassenzimmer, Brot, Stadt." Alles klang zuerst komisch. Ich glaube, ich habe die Sprache gelernt, weil ich schnell neue Freunde gefunden habe und mit ihnen redete und Fernsehen geschaut habe, Tom und Jerry zum Beispiel, das kannte ich schon aus Serbien. Jetzt spreche ich gern die neue Sprache, auch mit meinem älteren Bruder Stefan, der ist 13.

Meine Eltern können nicht so gut Deutsch wie wir. Mein Bruder und ich übersetzen, was in Briefen von der Behörde oder vom Arzt steht. Da geht es um wichtige Termine, und das ist oft schwierig zu verstehen. Manchmal fragen meine Eltern mich auch: Was hat der Busfahrer gesagt? Oder: Was hat uns die Lehrerin erzählt?

Ich bin daran gewöhnt, für meine Eltern zu übersetzen, das ist doch ganz normal. Und wenn die Lehrerin so wie beim Elternabend nette Sachen über mich sagt, übersetze ich richtig gern. Ich bin auch stolz, dass ich meinen Eltern helfen kann. Nur manchmal habe ich keine Lust.

Nirgends richtig zu Hause

Nachdem wir in Hamburg ankamen, haben wir in verschiedenen Unterkünften gelebt. Am längsten in einem Containerdorf mit 20 anderen Familien. Manche hatten sieben Kinder. Das war schrecklich, weil es so eng war und die Menschen sehr unfreundlich waren. Einmal hat sich mein Bruder ein Sandwich vom Speiseraum mitgenommen, weil er es später essen wollte. Ein Wachmann fasste ihn an der Schulter und redete laut. Doch Stefan hat nichts verstanden und konnte nicht antworten.

Am Tag konnten wir nicht viel machen. Es gab nichts zum Spielen, und nirgendwo war Platz für uns Kinder. Ich musste an meine Heimat Serbien denken, ich fürchtete mich, dass die Mafia uns nachreist und uns sucht. Als sie in unser Haus in Belgrad kam, hatte ich große Angst. Die Männer schlugen meinen Vater und machten Stefans Brille kaputt. Sie wollten Geld, das mein Vater nicht hatte. Meine Eltern sagten bald danach, dass wir nach Deutschland gehen. Ich fragte sie: Kann die Mafia uns folgen? Meine Eltern wussten es nicht.

Lachen gegen die Traurigkeit

Ich mache viele Witze, damit meine Eltern lachen und nicht so traurig sind. Mein Bruder und ich sind lieb, damit wir unseren Eltern keine Probleme machen. Sie machen sich eh schon so große Sorgen, weil sie nicht wissen, ob wir hierbleiben dürfen, und sie nicht arbeiten gehen dürfen, um Geld zu verdienen. Meine Mutter kocht serbisches Essen für mich, und ich helfe ihr ab und zu, den Boden in unserer Küche zu wischen.

Wenn ich abends im Bett liege, kann ich manchmal nicht einschlafen, weil ich mir Gedanken mache. Ich habe Angst, dass wir wieder zurück nach Serbien müssen. Das möchte ich nicht. Ich wecke dann meinen Vater. Einmal bin ich nachts allein auf die Toilette gegangen und habe mich plötzlich so gefürchtet, dass ich ganz schnell ins Bett meiner Mutter gerannt bin. Sie sagt immer: "Hab keine Angst!" Aber ich sehe, dass meine Eltern auch Angst haben.