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Obwohl ich, ein Bauingenieur aus Syrien, es leichter und schöner finde, über die Liebe und Zwischenmenschliches zu schreiben, soll es hier um das Gesetz gehen. Die meisten Flüchtlinge stammen – wie ich – aus Ländern, in denen das Gesetz keine oder nur formale Anwendung findet. In Deutschland werden sie mit einer großen Diskrepanz zu ihrem bisherigen Leben konfrontiert: Sie finden eine Realität vor, in der alles gesetzlich geregelt ist, angefangen bei den alltäglichsten Dingen bis hin zum geistigen Eigentum.

Ja, man kann laut und deutlich sagen: Deutschland ist ein Rechtsstaat. Diese Tatsache müssen alle, die hier leben wollen, verstehen und achten. Und sie müssen lernen, dass sie zu ihrem Vorteil ist. Das heißt auch, den Neuankömmlingen begreifbar zu machen, dass man Rechte nur genießen kann, wenn man seine Pflichten erfüllt.

Es ist beruhigend, zu wissen, dass in Deutschland Gesetzesänderungen mehrere Anhörungen, Debatten und Überprüfungen durchlaufen müssen, bevor sie endgültig verabschiedet werden. In unseren Ländern geschieht so etwas im Eilverfahren, ein Befehl des Machthabers genügt. In Syrien wurde nichts Geringeres als unsere Verfassung innerhalb weniger Minuten geändert, um den gewünschten Staatspräsidenten zu installieren. Der war erst 34 Jahre alt, die Verfassung aber sah ein Mindestalter von 40 Jahren vor. Dieses Vorgehen war beschämend und lächerlich zugleich.

Es wäre also sinnvoll, nach geeigneten Wegen zu suchen, um den Flüchtlingen die Bedeutung der deutschen Gesetze zu erklären. Ihnen muss verständlich gemacht werden, dass das Recht hier keine Makulatur ist: Vor dem Gesetz sind alle gleich, und wer sich nicht an die Regeln hält, kann juristisch verfolgt werden. Für die Flüchtlinge ist das Neuland. Um ihnen ein Gefühl für das Rechtsleben in Deutschland zu geben, sind sprachliche Barrieren zu überwinden. Ein Anfang wäre, mithilfe von Flüchtlingen und Übersetzern eine Informationsbroschüre in den jeweiligen Muttersprachen zu verfassen.

Weil ich den deutschen Rechtsstaat respektiere, habe ich einen Wunsch an ihn. Ich wünsche mir, dass er einen Teil seiner Asylgesetzgebung überarbeitet. Ich denke hierbei nicht an Flüchtlinge, die allein aus wirtschaftlichen Gründen kommen, sondern an diejenigen, die dem Krieg entkommen wollten. Ihnen würde eine einfachere Anerkennung von Zeugnissen und Führerschein sowie die schnelle Erteilung einer Arbeitserlaubnis entscheidend helfen, in Deutschland anzukommen.

Wenn mich jemand fragt, ob ich zurückkehren würde, sollte der Krieg in Syrien beendet werden, komme ich ins Nachdenken: Ich bin vor dem Tod geflohen; mein Aufenthaltsstatus erlaubt mir, aus humanitären Gründen in Deutschland zu bleiben, bis sich die Situation in Syrien beruhigt hat. Damit nimmt man mir jedoch jeden Ansporn, hier ein neues Leben anzufangen. Warum räumt man mir kein Bleiberecht ein, damit ich für meine Familie und mich sorgen kann und unsere Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtert wird?

Ich möchte gerne in der Lage sein, den Deutschen etwas zurückzugeben – wie es in meiner Kultur üblich ist. Denn die Deutschen haben uns gegeben, was uns unsere arabischen Brüder verweigert haben. Wenn ich könnte, würde ich mich bei jedem Deutschen persönlich bedanken, der Begrüßungstransparente trug, seine Hilfe anbot oder nur ein freundliches Lächeln zeigte. Die Deutschen haben sich als Vorbild für die ganze Welt erwiesen. Ich danke euch allen ganz herzlich!

Ich hoffe, dass ich hier Teil der Gesellschaft werde und meinen Beitrag leisten kann, so wie ich es früher auch in Syrien getan habe. Dann werde ich sagen können: Deutschland ist meine zweite Heimat.

Aus dem Arabischen von Mustafa Al-Slaiman