Eine rumpelige Piste aus Kopfsteinpflaster und aufgesprungenem Asphalt. Zu beiden Straßenseiten liegen alte Lagerschuppen, Werkhallen und Verwaltungsgebäude. Die Leuchtbuchstaben mit den deutschen Firmennamen sind längst erloschen. Die neuen Inhaber haben ihre bunten Schilder an die bröckeligen Backsteinfassaden geschraubt. "Import-Export", "Grosshandel" oder "International Shipping" steht darauf. Ein Stehimbiss am Straßenrand wirbt mit der Aufschrift "Deutsche Asia Küche". So deutsch wie die Asia-Küche ist die ganze Billstraße. Falls Hamburg tatsächlich ein Tor zur Welt ist, dann gehört die versteckte Gewerbemeile in Rothenburgsort auf jeden Fall dazu. Sie ist vor allem: ein Tor zu einer anderen Welt.

Am Straßenrand stehen afrikanische Männer, rauchen und tippen auf ihren Handys herum. Sie warten auf Arbeit. Arbeit für Menschen ohne Papiere, die in Deutschland eigentlich nicht arbeiten dürfen. Die Billstraße ist eine der Nischen in Hamburg, in denen das trotzdem geht. Hier kann man einen Blick erhaschen in die Hamburger Schattenwirtschaft. Hier kann man Flüchtlinge treffen, die Matratzen in Autos stopfen, bis die Arme schmerzen. Hier kann man erahnen, was es heißt, wenn junge Männer sagen, dass sie jede Arbeit annehmen würden, um jeden Preis – und zu jeder Bezahlung.

"Ich bin im April 2013 nach Hamburg gekommen", sagt Jacques (Namen der Arbeiter geändert), ein Mann aus Westafrika, der bis 2011 in Libyen arbeitete und dann vor dem Krieg floh. "Zwei Monate später habe ich hier die ersten Jobs gemacht."

Das Business boomt – alle paar Minuten donnert ein Lkw über das marode Pflaster, auf dem Weg zu den Wilhelmsburger Lagerhallen, wo Container gepackt werden für den Export in arabische und afrikanische Länder. Die Ware, mit denen sie beladen werden, gibt es hier in der Billstraße.

Jacques kennt sich aus in den Lagerhallen. Er weiß, wo er suchen muss, um seine Kunden zufriedenzustellen. Die Kunden findet er auf dem Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers, der etwas versteckt hinter zwei Schuppen liegt. Dort trifft er Geschäftsleute aus Kamerun, die mit regulären Visa nach Hamburg kommen, um Autos zu kaufen und zu exportieren. Nicht irgendwelche Autos, sondern Toyota-Modelle.

"In Kamerun läuft nur Toyota", sagt Dominique, den Jacques vor zwei Jahren angelernt hat, um mit ihm an der Billstraße zu arbeiten. "Volkswagen kannst du nach Nigeria, Gabun oder an die Elfenbeinküste verkaufen, in Kamerun wirst du die schwer los. Keine Ersatzteile."

Jacques und Dominique sind Freunde. Beide sind Mitte 30, beide sind in den nuller Jahren nach Libyen ausgewandert – wie Hunderttausende Westafrikaner, die in dem seinerzeit boomenden nordafrikanischen Land Arbeit fanden. Dominique, groß und muskulös, hatte eine kleine Baufirma in Tripolis. Jacques, klein und drahtig, arbeitete als Elektriker. Beide verdienten gut, sagen sie.

Als 2011 der Krieg ausbrach, steckten Gaddafis Soldaten die afrikanischen Gastarbeiter zu Tausenden auf rostige Kähne und schickten sie gen Europa. Um sie loszuwerden, stellten ihnen die italienischen Behörden Aufenthaltspapiere aus und schickten sie weiter nach Norden. Im Winter vor drei Jahren kamen sie in Hamburg an. Von heute aus gesehen, waren sie wohl nur Vorboten für die vielen Tausend syrischen, afghanischen, irakischen oder eritreischen Flüchtlinge, die derzeit kommen.

Aber sie haben eines gemeinsam: Sie suchen eine Perspektive. Sie suchen Jobs. Und solange sie nicht arbeiten dürfen, verdingen sich viele von ihnen in der Schattenwirtschaft, wo es keine Arbeitsverträge gibt, aber viel Arbeit.

Jacques und Dominique haben gelernt, wie sie in Hamburg auch ohne Bleiberecht und Arbeitserlaubnis überleben. Die Jobs, die es hier an der Billstraße zu machen gibt, sprechen sich in den jeweiligen Communitys schnell herum. Ein Landsmann hat Jacques mit in die Billstraße genommen. Zeigte ihm, wie man die Autos richtig belädt, wie man mit den Kunden verhandelt. Seither sind Jacques und Dominique selbstständige Dienstleister. Sie füllen die Wägen, ehe sie verschifft werden – und nehmen zwischen 40 und 100 Euro dafür, je nach Größe.

Wie viele Matratzen passen in einen Toyota Avensis?

Besonders beliebt in Kamerun ist das Toyota-Modell Avensis. Die Kameruner Geschäftsleute, für die sie arbeiten, zahlen für einen Avensis zwischen 2500 und 2800 Euro, in Kamerun zahlen die Käufer das Doppelte dafür. Um den Einfuhrzoll von etwa 500 Euro zu refinanzieren, lassen sie ihn mit DVD-Playern, alten Computern, Druckern und anderer Kleinelektronik befüllen, denn die Ladung wird beim Zoll nicht gesondert berechnet. Vor allem aber lassen sie die Wagen mit Matratzen vollstopfen.

Warum Matratzen? "Matratzen afrikanischer Herstellung kannst du vergessen", sagt Dominique. "Nach drei Wochen sind die durchgelegen." Gebrauchte europäische Matratzen sind in Afrika gefragt. "In Kamerun laufen aber nur die Familienmatratzen, die müssen mindestens 1,40 Meter breit sein. In muslimischen Ländern verkaufst du besser die schmalen, die schlafen immer alleine."

Wie man in einen Avensis vier bis fünf Matratzen bekommt, damit kennen sich Jacques und Dominique inzwischen aus. Das Wichtigste: die Matratzen so klein rollen, wie es irgendwie geht. Drücken, drücken und noch mal drücken. "Das ist Knochenarbeit", sagt Dominique. "Davon bekommst du richtig Muskeln."

Er rechnet vor: Eine saubere Matratze, in Hamburg umsonst vom Sperrmüll geholt, kostet in den Lagerhallen an der Billstraße 40 Euro – Jacques und Dominique verkaufen sie für 45 Euro weiter an ihre Kunden, die Autohändler. In Kamerun kommt sie dann für umgerechnet 85 Euro auf den Markt. Selbst fleckige Matratzen sind gefragt, "daraus machen sie dann Polstermöbel", sagt Jacques.

Ein paar Meter neben dem Gebrauchtwagenhändler liegen Matratzen in einer großen Lagerhalle, davor stapeln sich alte Röhrenfernseher zu Hunderten, daneben eine traurige Armee ausgemusterter Kompakt-Hi-Fi-Anlagen, in der Mitte der Halle ein gewaltiger Berg aus Sofas und Sesseln. "Kannst du nicht kaufen", sagen die beiden afghanischen Männer, die am Eingang Kühlschränke und Waschmaschinen zurechtrücken. "Ist alles nur Export."

Was in Deutschland nicht mehr marktfähig ist, was auf der Straße oder im Recyclinghof landet – hier lagert es in rauen Mengen, abholbereit zur Verschiffung nach Afrika. In der Billstraße sind die beiden Männer zu Facharbeitern der weltweiten Handelsströme geworden, nur eben ohne Papiere.

Wenn sie einen Wagen beladen haben, montieren sie die Lichter ab – sie könnten geklaut werden – und schweißen die Türen zu, damit die Ladung unterwegs nicht verschwindet.

Jacques ist Elektroniker, in Hamburg hat er sich im Hafen bei mehreren Firmen vorgestellt – er wäre sofort genommen worden, sagt er. Als Facharbeiter ist er gefragt, er ist gebildet, in seiner Heimat hat er eine Theatergruppe geleitet. Doch ihm fehlt die Arbeitserlaubnis. Als Westafrikaner hat er kaum Chancen auf Asyl, und selbst mit einer Duldung wäre der Weg zum regulären Arbeitsmarkt weit. Nach drei Monaten könnte er eine Arbeitserlaubnis erhalten – doch die wäre noch 15 Monate lang "nachrangig". Das heißt: Sein Arbeitgeber müsste erst prüfen, ob nicht ein EU-Bürger den Job machen könnte.

So viel Zeit hat Jacques nicht. Die Verwandten aus der Heimat brauchen Geld. Manchmal bekomme er mehrere Anrufe pro Tag: "Meine Tante, die sich beschwert, dass meine andere Tante von mir Geld bekommen hat, sie aber nicht – oder meine Geschwister, die fragen, wann wieder was kommt." In manchen Monaten hat er seinen gesamten Verdienst nach Hause geschickt und nur von Spenden gelebt. Wenn er einen richtig guten Tag an der Billstraße erwischt, geht er mit 200 Euro nach Hause. Sein Rekord sind 250 Euro Tagesverdienst. Aber es gibt viele Tage, an denen läuft gar nichts.

Dann wartet er an der Straße und versucht, nicht unsicher zu wirken. Seine italienischen Dokumente gelten in Deutschland nur als Touristenvisum für drei Monate. "Wenn du dich nicht ängstlich bewegst, sondern selbstbewusst, dann wirst du auch nicht kontrolliert", sagt er. "Mich hat in Deutschland noch nie ein Polizist angehalten."

"Bezahlt wird oft nur die Hälfte des Mindestlohns"

Für die Verfolgung von Schwarzarbeit ist der Zoll zuständig, ein Pressesprecher sagt: 2013 habe man in der Billstraße in einem Betrieb einen Georgier und drei Afrikaner ohne Arbeitserlaubnis aufgegriffen. Kontrollen gebe es durchaus, aber in der Praxis sei schwer nachzuweisen, ob jemand arbeite oder als Kunde da sei.

Dominique weiß von einem Afrikaner, der vor ein paar Monaten in der Billstraße vom Zoll erwischt wurde – er sei die Straße langgegangen, habe aber noch seine Arbeitshandschuhe getragen, dumm gelaufen. Dominique hat immer sein jüngstes Flugticket aus Italien dabei, um nachweisen zu können, dass er sich innerhalb der Drei-Monats-Frist legal in Deutschland aufhält. Er hat Verwandte in Italien, alle paar Monate fliegt er hin, um sie zu besuchen. Sie wohnen jetzt in einem kleinen Apartment, dank des Geldes, das er unter anderem an der Billstraße verdient.

In Libyen hat er Renovierungen gemacht, Trockenbau und Maurerarbeiten. Er ist überqualifiziert für die Arbeit an der Billstraße, doch ist sie allemal ertragreicher als das, was Papierlose sonst in Hamburg machen: putzen, Geschirr spülen, Ladearbeiten, private Renovierungen, Gartenarbeiten.

Dominique und Jacques erzählen von afrikanischen Mitflüchtlingen, die sich die Arbeitserlaubnispapiere von anderen Afrikanern mieten, um damit arbeiten zu können – und einen Teil ihres ohnehin kargen Lohns dafür abtreten müssen.

"Natürlich bekommt dieser graue Arbeitsmarkt mit den Flüchtlingen neues Personal", sagt Peter Bremme, Leiter des Fachbereichs Besondere Dienstleistungen bei ver.di, wo man sich mit prekären Jobs am unteren Rand der Gesellschaft beschäftigt. Solange Flüchtlinge nicht gut Deutsch sprächen und ihre Qualifikation nicht offiziell anerkannt sei, könne man ihre Löhne drücken. "Bezahlt wird oft nur die Hälfte des Mindestlohns", sagt Bremme. Die Hälfte des Mindestlohns – das ist sozusagen der Vier-Euro-Job.

Immerhin fünf Euro bekommt Kofi aus Ghana, ein schmächtiger Mann mit müden Augen. Er sitzt in einem Café am Steindamm in St. Georg und erzählt, wie er jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, um Treppenhäuser zu putzen. Sein Arbeitgeber ist ein Afrikaner, der legal und mit Gewerbeschein in Hamburg lebt und eine kleine Putzfirma hat.

Vom kargen Lohn schickt Kofi jeden Monat 250 Euro nach Hause, damit seine beiden Söhne auf Privatschulen gehen können. "Auf den öffentlichen Schulen in Ghana lernst du nichts", sagt er. Er arbeitet jeden Tag nur drei bis vier Stunden, aber er ist stolz darauf, sein eigenes Geld zu verdienen und etwas nach Hause schicken zu können. Kofi wirkt gehetzt, nervös. Sein Arbeitgeber sei gerade in dessen Heimat gereist, sagt er. Und das, obwohl er ihm noch Geld schulde. Wann er wiederkommt, weiß Kofi nicht. Ihm bleibt nur: Warten, bis der Chef wieder da ist und bis es hoffentlich weitergeht mit den Putzjobs. Einstweilen isst er in der Suppenküche einer afrikanisch-evangelikalen Kirchengemeinde.

Auch Jacques und Dominique haben nach ihrer Ankunft von der Gnade einer afrikanischen Freikirche an der Horner Rennbahn gelebt, die ihnen ein kleines Zimmer bereitstellte. Im Gegenzug mussten sie zweimal pro Woche die Messe besuchen und kleinere Tätigkeiten für die Gemeinde übernehmen. Heute leben beide in Wohngemeinschaften, ihre neuen Freunde aus der Lampedusa-Unterstützerszene haben sie aufgenommen. Auch können sie zeitweilig wieder ihre Berufe ausüben: Jacques arbeitet bei einem alternativen Projekt als Elektroniker, für den Mindestlohn von 8,50 Euro. Dominique macht Renovierungsarbeiten bei Privatleuten. Trotzdem gehen sie weiter in die Billstraße. Warum? Ist es nicht befriedigender, die Arbeit zu tun, die man gelernt hat – als Matratzen in alte Autos zu stopfen?

Dominique lacht. "Ihr Deutschen versteht das nicht. Wir sind nicht hier, um uns selbst zu verwirklichen. Wir müssen Geld verdienen." Jeder afrikanische Flüchtling habe den Druck, Geld nach Hause zu schicken. "Wir kommen aus armen Ländern, sobald wir hier sind, sind wir unseren Familien verpflichtet", sagt er. "In Afrika ist die ganze Familie für die Kinderbetreuung zuständig – Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Neffen und Nichten, alle haben sie uns aufgezogen. Also müssen sie alle etwas abbekommen, wenn etwas da ist."

Jacques sagt, er habe letzte Woche eine Ansage gemacht: Er werde jetzt nur noch Geld an seine Mutter schicken.

Der Herbst kommt, die Tage werden kälter, und die Saison an der Billstraße geht allmählich zu Ende. Den afrikanischen Geschäftsleuten sei es ab Oktober zu kalt in Hamburg, sagt Jacques. Dann lohne es sich nicht mehr, hier auf Arbeit zu warten. Erst wenn die Tage wärmer werden, geht es wieder los.

Die Arbeiter müssen sich so lange neue Jobs suchen. Jacques und Dominique haben schon ein neues Ziel. Sie blicken neidvoll auf die Osteuropäer, die mit ihren Vans und Kleinlastern das Sperrmüllsammelgeschäft fest im Griff haben. Matratzen, Fernseher, Kühlschränke, Computer. "Ich wundere mich jeden Tag, was die Deutschen alles als Müll auf die Straße stellen", sagt Dominique. Das einzusammeln und an der Billstraße zu verkaufen sei sehr lukrativ. "Wenn ich ein Auto hätte, könnte ich hier jede Nacht 500 Euro verdienen."