Sie war an diesem Morgen die Erste in der Behörde, wie häufiger in diesen Wochen. Sie braucht die Ruhe, bevor das Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln. Seit fünf Uhr früh sitzt die Sachbearbeiterin in ihrem Büro. Eine neue Deutschklasse in einer Grundschule eröffnet, in der zweiten Notunterkunft wurde mit dem Unterricht begonnen: So lautete die Bilanz gestern. Heute warten 17 junge Flüchtlinge darauf, eingeschult zu werden. "Wenn wir das schaffen", sagt die Sachbearbeiterin, "haben die meisten nur zwei Wochen seit ihrer Ankunft in Bremen gewartet. Ich finde, das ist ganz okay."

Bremen – das ist jenes Bundesland, das bei Pisa immer an letzter Stelle steht. Die Bildungsbehörde dort: für viele der Inbegriff für Inkompetenz und Langsamkeit. Man erwartet also nicht viel, wenn man sich in die Hansestadt aufmacht, um herauszufinden, wie die Offiziellen angesichts der größten aktuellen Herausforderungen für das Bildungssystem agieren.

Und dann das. Man stößt auf Flüchtlingskinder, die schon im Erstaufnahmelager Deutschkurse bekommen. Trifft einen Oberschulrat, der jeden Tag von vorne planen muss und das auch noch gut findet, "weil plötzlich vieles möglich ist, was früher nicht ging". Und man sitzt dieser Sachbearbeiterin gegenüber: Scharajeg Ehsasian, Master in Politik, vier Sprachen, ein Energiebündel mit schwarzem Nagellack und rotem Lippenstift. Vor 26 Jahren selbst in einem deutschen Flüchtlingsheim geboren.

Ehsasians Eltern waren als politisch Verfolgte Ende der achtziger Jahre aus dem Iran über die Türkei nach Deutschland geflohen, so wie viele Flüchtlinge heute. Mehrere Jahre lebte sie mit ihrer Familie in der Asylunterkunft. Von dort kämpfte sie sich voran. Sie ignorierte die Hauptschulempfehlung ihrer Grundschullehrerin (Diagnose: Lernschwäche). Behauptete sich auf dem Gymnasium gegen die Mitschüler mit den Poloshirts und Timberland-Schuhen – immer in der ersten Reihe, "damit ich nicht den Spott in deren Gesichtern sehen musste". Unter dem Künstlernamen Shaggy E. tanzte sie Hip-Hop gegen ihren Frust. An einen Lehrer, der ihr besonders geholfen hat, kann sie sich nicht erinnern. Dennoch sagt sie: "Ich verdanke alles meiner Bildung."

Seit März arbeitet diese junge Frau nun mitten im Geschehen, verteilt in der Bremer Schulbehörde, Abteilung Flüchtlingskinder, selbst Bildungschancen. Ein Symbol dafür, was sich in diesem Land verändert hat. Ein Hoffnungszeichen für das, was möglich ist. In Bremen und anderswo.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Seitdem die Flüchtlingsmassen ins Land strömen, ist in Deutschland jeden Tag Einschulung. Wie viele zugewanderte Kinder und Jugendliche allein in diesem Jahr einen Schulplatz benötigen, weiß niemand. Einige schätzen 150.000, andere sprechen von der doppelten Anzahl. Nicht nur die schiere Menge gilt es zu bewältigen, auch die Schüler selbst erfordern besondere Aufmerksamkeit. Sie kommen aus unterschiedlichen Kulturen, haben ihre Heimat verloren und auf der Flucht oft Schlimmes erlebt.

Da kann ein System schon mal in die Knie gehen. Doch während andere staatliche Stellen angesichts der Flüchtlingszahlen überfordert scheinen, hört man aus den Schulen wenig Klagen. Natürlich gibt es auch das: Chaos bei der Verteilung, Flüchtlingskinder, die Monate warten müssen auf die erste Stunde Unterricht. Schulen, die ohne jede Vorbereitung von heute auf morgen mehrere Dutzend Kinder aufnehmen müssen. Insgesamt aber klappt es erstaunlich gut. Das deutsche Bildungssystem zeigt sich auf Augenhöhe mit seinen Herausforderungen.

In Bremen kann man das besonders gut beobachten. Das kleine Bundesland hat proportional die meisten Flüchtlingskinder aufgenommen. Weil die Hansestadt als liberal gilt, zieht es gerade unbegleitete Jugendliche in die Stadt. Hier glauben ihnen die Behörden, dass sie minderjährig sind, ohne sie medizinischen Untersuchungen zu unterziehen. Jede Woche werden weitere Unterrichtsräume eingerichtet und zusätzliche Lehrer eingestellt, entstehen neue Deutschklassen, seit Schuljahrsbeginn allein 18.