Natürlich ist diese Ausgabe der ZEIT auch ein Statement. Wer in diesen Zeiten über Flüchtlinge berichtet, der verbindet damit oft Absichten. In unserem Fall ist es jetzt vor allem: möglichst viel aus erster Hand von jenen zu erfahren, über die wir so viel reden und berichten – und auf die so viel projiziert wird. Viele der Migranten und Flüchtlinge, die in dieser Ausgabe zu Wort kommen, waren in den letzten Wochen in der Redaktion, haben an den Konferenzen teilgenommen und Themen beeinflusst. Man kann für die ZEIT, aber auch für viele andere Medien, sagen: Die meisten begleiten die epochalen Ereignisse dieser Wochen mit großem Wohlwollen, manche feiern sie – auch wenn es überall Stimmen gibt, die vor den Problemen warnen, die jetzt auf uns zukommen. Medien haben Haltungen, Journalisten sind auch engagierte Bürger, und sie müssen in ihren Kommentaren dezidierte Meinungen äußern. Und, damit es jetzt kein Missverständnis gibt: Was seit dem ersten Septemberwochenende in Deutschland geschehen ist, hatte in jeder Hinsicht etwas Überwältigendes.

Da hat sich, unter dem Eindruck furchtbarer Katastrophen und Bilder, nach Jahren des Wegschauens, die Kanzlerin eines der mächtigsten Länder der Welt entschlossen, die Grenzen zu öffnen für Menschen, die Tod und Terror entfliehen wollen. Und mindestens genauso eindrucksvoll: Sie tat das mit der Zustimmung der Mehrheit in Deutschland.

Abertausende waren spontan bereit, bei der Aufnahme der Flüchtlinge zu helfen. 2013 hatte sich der Soziologe Heinz Bude in einem Spiegel-Artikel die "Entdeckung der Großzügigkeit" durch die Deutschen gewünscht, als "Zeichen für eine kommende Zeit". Jetzt ist aus seinem Traum Wirklichkeit geworden. Als unter dem Eindruck massenhaften Zustroms die ersten Zweifel aufkamen, exponierte sich die sonst so vorsichtige Kanzlerin mit einem Satz für das Geschichtsbuch: "Wir schaffen das!" Diese Entschlossenheit von Politik, Bürgern und Medien werden wir lange brauchen, wenn wir es tatsächlich schaffen wollen.

Es gibt also all dies bleibend Gute. Und es gibt leider ein Zuviel des Guten – für manche Leser vielleicht auch in dieser ZEIT-Ausgabe, in der wir uns allerdings bemühen, alle Facetten des Themas darzustellen. Ein Zuviel des Guten entsteht dann, wenn Journalisten befangene Akteure werden, Kampagnen organisieren und manchmal sogar zu Zensoren mutieren – anstatt kritische Begleiter zu sein wie bei jedem anderen Thema auch. (Dies schreibt ausgerechnet einer, der 1992 zu den Initiatoren der ersten Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Deutschland gehörte.)

Ein kleines Beispiel: In der vorletzten Ausgabe hatte die ZEIT eine für die Kanzlerin am Ende durchaus positive Titelgeschichte mit der Schlagzeile Weiß sie, was sie tut? versehen und in der Unterzeile einige unleugbare Begleiterscheinungen der Flüchtlingswelle angedeutet. Prompt kam Empörung auf. Wohlgemerkt weniger unter den Lesern als unter Journalisten. Das klinge nach einer Zeit, geißelte die taz, "in der 96 Prozent der Deutschen es für wichtig hielten, das 'Problem der Ausländer in den Griff zu bekommen'". Da ist sie dann schon, die Keule der Ausländerfeindlichkeit, und dazu der Vorwurf: Wie kann man jetzt schon Zweifel äußern?

Es gibt vielerorts eine Naivität, die zu einem Bumerang werden könnte

Ja wann denn sonst? Sollen wir die vielen Ungereimtheiten bei der Zuwanderung den Hetzern im Netz überlassen, auf dass der Unmut immer größer werde, bis er ohrenbetäubend ist? Sollen wir über alles Schwierige möglichst hinwegsehen, während sich Teile der Union und der SPD mit den Oppositionsparteien einen Wettbewerb darum liefern, wer die aufnahmefreundlichste politische Kraft im Land ist? Wenn das so kommt, wird das eine Vergiftung des politischen Klimas in Deutschland nach sich ziehen, vor der man sich nur fürchten kann. Und in Hintergrundgesprächen sagen das einem die Spitzenpolitiker jeder Couleur auch.