An einem Abend im September besuchen fünf Syrer das Hauptstadtbüro der ZEIT. Vier Männer, eine Frau, sie kennen sich aus Damaskus. Dort waren sie Unternehmer. Sie haben Möbel hergestellt, Maschinen gebaut und Fabriken geführt – bis der Krieg sie zu Flüchtlingen machte. Jetzt müssen sie in Deutschland neu beginnen.

DIE ZEIT: Frau Albassir, in der Nähe von Damaskus produzierten Sie früher Gartentische und Gartenstühle. Was ist aus Ihrer Fabrik geworden?

Möbelfabrikantin Hiba Albassir: Sie wurde geplündert und fast leergeräumt.

Möbelfabrikant Khaled Karimo, ihr Ehemann: Wir hatten Angst, dass sie auch unser Lager ausräumen und die Möbel als Brennholz benutzen. Also haben wir sie nach Deutschland geholt.

ZEIT: Mitten im Krieg?

Möbelfabrikant Karimo: Ja. Zwischen Weihnachten und Silvester gab es einen sicheren Korridor von Damaskus zum Hafen in Latakia. Den haben wir genutzt. In Latakia wurde alles auf ein Containerschiff verladen und nach Hamburg gebracht. Und von dort nach Berlin.

Möbelfabrikantin Albassir: Wir haben mittlerweile sogar einen kleinen Laden in Zehlendorf, wo wir unsere Gartenmöbel verkaufen.

ZEIT: Unterscheiden sich deutsche Kunden von syrischen?

Möbelfabrikantin Albassir: In Deutschland kommen manche in unser Geschäft und sagen: Ich gucke nur, ich hab gar keinen Garten, ich will nichts kaufen. So was passiert in Syrien nicht. Entweder man will was kaufen, oder man kommt gar nicht erst rein. Ansonsten gibt es keine großen Unterschiede. Wenn Kunden kommen, dann quatscht man sie voll, erzählt ihnen, dass die Tische eine besondere Geschichte haben, dass sie die letzten sind, die aus Syrien gekommen sind, solche Sachen. So läuft das Geschäft, das habe ich in Syrien genauso gemacht.

ZEIT: Können Sie von Ihrem Laden leben?

Möbelfabrikantin Albassir: Nein, dafür sind wir noch zu unbekannt. Aber es läuft einigermaßen.

Möbelfabrikant Karimo: Na ja, in Syrien hätte ich den Laden bei den Umsätzen längst dichtgemacht.

Möbelfabrikantin Albassir: Wir sind aber nicht mehr in Syrien.

ZEIT: Wovon leben Sie?

Möbelfabrikantin Albassir: Vom Jobcenter. Und ganz ehrlich, das ist das Allerschlimmste für uns, das drückt hier (sie greift sich an die Kehle) . Wir waren vorher nie auf staatliche Hilfe angewiesen.

ZEIT: Was genau ist schlimm daran?

Möbelfabrikantin Albassir: Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist gut, dass wir diese Hilfe bekommen. Aber es ist schwer, sie anzunehmen. Es ist auch schwer, damit über die Runden zu kommen.

ZEIT: Wie haben Sie in Syrien gelebt?

Möbelfabrikantin Albassir: Wir haben nicht zu den Superreichen gehört, mit denen wollten wir auch nichts zu tun haben, die waren eng verwoben mit dem Regime. Aber uns ging es sehr gut. Wir hatten ein Haus, zwei Autos, ein Wochenendhaus am Meer.

ZEIT: Gibt es in Syrien Jobcenter?

Möbelfabrikantin Albassir: Nein. In Syrien ist die Familie das Sozialamt. Und die Unternehmer müssen sich um ihre Belegschaft kümmern. Wenn einer unserer Mitarbeiter krank wurde oder heiraten wollte, dann haben wir die Operation bezahlt oder einen Teil der Kosten für die Hochzeitsfeier übernommen.

ZEIT: Und jetzt ...

Möbelfabrikantin Albassir: ... werden wir hier nicht als Unternehmer wahrgenommen, die etwas aufbauen könnten, sondern immer nur als Flüchtlinge. Als Hilfsbedürftige.